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Die Unschuld der Cartoonisten : Im Kreuzfeuer der Weltreligionen

Muslimisches Missfallen hat sich Spiegelman erst spät zugezogen, und das war dann auch durchaus gewollt. Als Reaktion auf den Streit um die dänischen Mohammed-Karikaturen 2005/06 hatte Irans Präsident Ahmadinedschad einen antisemitischen Karikaturenwettbewerb ausgerufen, mit dem er das westliche Beharren auf Meinungsfreiheit Lügen strafen wollte. Aber Spiegelman machte sich sofort an die Arbeit. Eine seiner Karikaturen zeigte einen krummnasigen Herrn mit Palästinensertuch, der zu einem genauso krummnasigen Juden sagt: „Seltsam, Sie sehen gar nicht jüdisch aus.“ Eine andere einen jüdischen Herrn am Tisch, der seine Frau am Nachschenken hindert: „Bitte kein palästinensisches Blut mehr, das ist schlecht für meinen Cholesterinspiegel.“

Spiegelman hat den Wettbewerb nicht gewonnen. „Ich war zu feige, die Arbeiten einzureichen. Und wenn man ehrlich ist, waren die Arbeiten der Gewinner auch besser als meine. Juden sind eben doch nicht die besten Judenhasser.“ Aufsehen erregten seine Karikaturen aber doch noch: in der Zeitschrift „Harper’s“. Die Parodie auf Perfidie wurde als muslimfeindlich kritisiert. „Dabei hat ein guter Karikaturist kein Feindbild, er liegt notgedrungen mit der ganzen Welt im Clinch.“ Deshalb ist Spiegelman nie auszurechnen. In Österreich lässt er seine Werke nicht ausstellen, weil das Land seine Beteiligung am NS-Genozid nicht aufgearbeitet habe, in Israel nicht, weil dort dieser Genozid politisch instrumentalisiert werde.

Dilettanten auf dem Feld der Ironie

Spiegelmans bislang ultimative Karikatur zu Religions- und Rassenhass ist dementsprechend eine universale Verächtlichmachung. Als Kommentar zum dänischen Karikaturenstreit zeichnete er wiederum für „Harper’s“ ein Titelbild mit Klischeeporträts von Juden, Muslimen und katholischen Priestern, aber auch von Schwarzen, Mexikanern, Italienern und Indianern – und die hingekritzelte Skizze einer nackten Frau. „Ich rechnete nicht damit, dass ausgerechnet dieser im Stil von Schulschmierereien gehaltene Akt Probleme bereiten würde. Angeblich wollte die kanadische Buchhandelskette Chapters diese Ausgabe von ‚Harper’s‘ nicht verkaufen, also sollte ich schwarze Balken über Brust und Geschlecht legen. Niemals habe ich freudiger einer Bitte um Zensur entsprochen, denn das Bild wurde dadurch besser.“ Chapters lehnte die Ausgabe trotzdem ab – keine andere „Harper’s“-Nummer hat sich in Kanada je besser verkauft.

„Das ist doch der Effekt jeder Skandalisierung“, sagt Spiegelman, „plötzlich wollen alle sehen, was da los ist, und so kommt die Sache erst richtig unter die Leute.“ Dabei beklagt er nicht den Mangel des Publikums an Ironieverständnis, wie es kürzlich der wegen seines Lobs für Anders Breivik entlassene französische Lektor Richard Millet getan hat. Spiegelman sieht im Gegenteil zu viel Ironisierung am Werk, wenn selbst Dilettanten wie der Produzent von „Die Unschuld der Muslime“ sich auf diesem Feld versuchen. „Wir brauchen eine neue Ernsthaftigkeit, dann nimmt man auch solche Bagatellen nicht mehr wichtig. Wenn die Islamisten schon einen Vorwand haben wollen, dann soll es wenigstens etwas sein, was die westliche Meinungsfreiheit ziert.“ Ein Verbot des Films kommt für Spiegelman natürlich gar nicht in Frage. Zurück in Amerika wird er über seine Reaktion auf die Proteste nachdenken.

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