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Architektur im Höhenrausch : Die Unruhe vor dem Turm

Muster an Eleganz: New Yorker Wohnhochhaus von Herzog & de Meuron Bild: AP

Es werden so viele Hochhäuser wie nie zuvor gebaut. Aber was erzählen uns ihre bizarren Formen über unsere Zeit?

          7 Min.

          In Bombay steht seit einiger Zeit ein Hochhaus, das ganze 174 Meter hoch ist und nach den sehr stark schwankenden Schätzungen der lokalen Presse zwischen 75 und (eher unwahrscheinlich) 700 Millionen Euro gekostet haben soll, so genau weiß es niemand; in jedem Fall wäre es für ein Hochhaus eine eher lächerliche Höhe, wenn der Turm ein normales Büro- oder Apartmentgebäude wäre.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist er aber nicht – sondern das höchste Einfamilienhaus der Welt, erbaut vom Architekturbüro Perkins and Will aus Chicago für den Besitzer des Petrochemiekonzerns Reliance Industries, den indischen Milliardär Mukesh Ambani. Angeblich kümmern sich sechshundert Angestellte um das Haus, die indische Schriftstellerin Shobhaa Dé nannte es den „Taj Mahal des 21.Jahrhunderts“, Versailles sehe dagegen bloß „wie ein armer Cousin“ aus, geradezu lächerlich: Die neuen Sonnenkönige bauen sich keine Schlösser und Paläste mehr, sie wollen senkrecht herrschen.

          Dabei schien es für einen kurzen Moment, als wäre es vorbei. Für einen Moment sah es so aus, als sei mit dem Einsturz der Türme des World Trade Centers am 11. September 2001 auch das Jahrhundert der Wolkenkratzer zu Ende gegangen – zumal bald nach den Türmen auch die Börsenkurse stürzten und die geplanten Hochhäuser, mit denen sich die Gewinner der New Economy Denkmäler im Stil des 20.Jahrhunderts setzen wollten, Projekte blieben. In der Literatur der ersten Jahre nach 9/11 wurde das Ende des Hochhauses in vielen Erzählungen vorhergesagt, eine der schönsten schrieb Gregor Hens, in dessen Erzählung ein Deutscher und eine Amerikanerin, denen in Manhattan das Geld ausgeht, in den Hotels immer weiter nach oben ziehen – weil die Zimmerpreise ganz oben inzwischen am billigsten sind.

          Doch das blieb nicht lange so. Die Fragilität der Hochhäuser war offensichtlich nichts gegen die Fragilität der fiktiven Werte, die in der New Economy gehandelt wurden. Ein Hochhaus kann einstürzen – das hieß auf den Finanzmärkten vor allem, dass es nachweisbar da ist und damit im Vorteil gegenüber all den eher fiktiven Dingen, in die man zuvor sein Geld gepumpt hatte: Ab 2002 wurde so viel Geld wie nie zuvor ins globale Hochbaugewerbe investiert, die Jahre von 2001 bis 2008 wurden zur Dekade des großen Immobilienwahnsinns, und der Crash 2008 bremste diese Euphorie nur kurz. Man hatte zu viele Büros gebaut, aber das Geld war immer noch da, und das, was man nicht erneut in fiktiven Werten versenkt hatte, ging nun vor allem in Wohntürme, denn gewohnt werden muss immer. Selten wurden so massiv in die Höhe gebaut wie heute: Allein in London sollen in den kommenden Jahren 236 Hochhäuser entstehen, davon etwa ein Fünftel 160 Meter oder höher, Prinz Charles persönlich läuft schon Sturm gegen die neue Skyline, in der Big Ben wie der Zaunpfosten an der Einfahrt zum Bankengelände aussehen wird.

          In Brooklyn soll die 2004 stillgelegte Domino Sugar Refinery, einst die größte Zuckerfabrik der Welt, abgerissen und durch ein 1,5 Milliarden Dollar teures Wohn- und Geschäftsviertel ersetzt werden, mit Läden und 55-geschossigen Wohntürmen. In Manhattan ist man natürlich schon ein paar Schritte weiter, dort lässt Harry Macklowe an der Park Avenue den Architekten Rafael Viñoly einen 426 Meter hohen Wohnturm bauen – mit 126 Luxuswohnungen; die billigste Wohnung kostet 1,6 Millionen Dollar, das Penthouse ist noch nicht gebaut, aber schon verkauft, für 95 Millionen Dollar.

          So wie eine extrem solvente Klientel die Preise für Gemälde der klassischen Moderne über die Hundert-Millionen-Dollar-Schwelle getrieben hat, weil das viele Geld ja irgendwo hin muss, sammelt sie jetzt auch exklusive Hochhaus-Immobilien. Amerikanische Medien berichteten schaudernd, dass ein russischer Milliardär seiner Tochter in Manhattan ein Apartment für 88 Millionen Dollar gekauft habe. Gleichzeitig leben in New York zweiundzwanzigtausend Kinder ohne Obdach auf der Straße – so viele wie seit der Weltwirtschaftskrise von 1929 nicht mehr.

          Tanzende Gummistiefel

          Liegt es an dieser im Wohnen offensichtlich werdenden Kluft zwischen Superreichtum und massiver neuer Armut, dass viele der neuen Luxustürme nicht so cowboyhaft senkrecht, stolz und gradlinig dastehen wie die Hochhäuser der sechziger Jahre – sondern so verlegen, verbogen, sich krampfhaft krümmend und windend, als sei ihnen ihr eigener Auftritt irgendwie unangenehm, als würden sie gern den Kopf einziehen, zurück, unter die Traufhöhe der umliegenden Häuser? Oder ist die Phalanx an ungelenk dahinschlingernden Gummitürmen nur eine Reihe misslungener Versuche, den sogenannten „Bilbao-Effekt“ zu wiederholen – oder wirkt in diesen sich wie vor unsichtbaren Gefahren wegbiegenden Türmen doch das Trauma von 9/11 nach?

          Der Cayan Tower, den das amerikanische Büro SOM für Dubai entwarf, steht krampfhaft in sich verdreht da und erinnert an jemanden, der mit übervoller Blase vor einer abgesperrten Toilette wartet: Dieses Haus muss mal woandershin, und zwar dringend. Auch der Wolkenkratzer, den Frank Gehry für den Berliner Alexanderplatz zeichnete, sieht aus, als habe jemand einem herkömmlichen Sandsteinturm den Hals umdrehen wollen, die Wohntürme „The Grove at Grand Bay“, die die Architekturfirma BIG in Miami entwarf, wirken, als habe jemand versucht, sie mit übergroßer Gewalt in den Boden zu schrauben, und Daniel Libeskinds sechs Wohntürme in der Keppel Bay von Singapur erinnern an Gummistiefel, die unter Alkoholeinfluss tanzen. Was ist da los?

          All diese Hochhäuser sehen aus, als wollten sie wegrennen, schmelzen, lieber doch nicht Hochhaus sein. Auch in London dominieren übergroße Scherzartikel: Renzo Pianos „The Shard“ sieht aus, als sei ein Riesenvogel mit dem Schnabel gegen eine Wand geflogen und umgekippt, Rafael Viñolys „20 Fenchurch Street“ wie ein Rasierapparat, dem gerade furchtbar schlecht ist – wobei die Vergrößerung der Flächen der Stockwerke nach oben hier einen klaren kommerziellen Grund hat. Die Etagen oben kann man besser vermieten als die unten, die seltsame Form setzt mit entwaffnendem Pragmatismus das Streben nach Maximalrendite ebenso wie den Wunsch um, eine unverkennbare, einmalige Skulptur zu bewohnen. „Ich arbeite in der Gurke“ – „Ich in der Scherbe“: Das sind die Dialoge, die die Insassen der zwanghaft individualisierten Londoner Türme schon heute führen.

          Die Macht baut hoch

          Man muss beim neuen Hochhausboom zwei Dinge unterscheiden: Hochhäuser sind in den meisten Fällen rational begründete Bauformen– weil der Boden teuer ist und sich Kräne, teure Baumaterialien und später eine aufwendige Betriebs- und Servicetechnologie (Fahrstühle, Fassadenputzer) trotzdem rechnen. Wolkenkratzer waren immer schon etwas anderes – nämlich Machtdemonstrationen, Statussymbole, gebaute Ausrufezeichen, mit denen die Erbauer ihren Herrschaftsanspruch unterstrichen. Das phantasmagorische Stalagmitenpanorama, mit dem Manhattan im frühen 20.Jahrhundert alle Anreisenden empfing, machte unmissverständlich klar, wo das neue Machtzentrum der Welt lag. Die größten Wolkenkratzer waren dabei vielleicht nicht zufällig im Auftrag von Menschen errichtet worden, die ihr Geld mit der Eroberung der Horizontale gemacht hatten: Das Rockefeller Center wurde vom jenem Clan gebaut, der sein Geld mit Eisenbahnen und der Ausbeutung der Ölfelder in den Weiten des Westens verdient hatte.

          Mit dem Chrysler Building setzte sich der Automobil-Tycoon Walter Percy Chrysler 1928 ein Denkmal mit Wasserspeiern in Form von Radkappen, Kotflügeln und Kühlerfiguren; es war mit knapp 300 Metern das höchste Haus der Welt – bis am 29. August 1929 John Jakob Raskob, Investor von General Motors, dem Hauptkonkurrenten von Chrysler, verkündete, ein „Empire State Building“ von 306 Metern Höhe errichten zu lassen. Chrysler wollte das nicht auf sich sitzen lassen und stockte im November 1929 auf dem Chrysler Building überraschend eine Krone auf: 319 Meter! Bingo.

          Aber Chrysler hatte sich zu früh gefreut: Am 11. Dezember 1929 holte Raskobs Partner Al Smith zum finalen Gegenschlag aus und verkündete, dass das Empire State Building nun eine Höhe von, au revoir Chrysler, 381 Metern erreichen würde, weil man sich entschlossen habe, einen 61 Meter hohen Turm oben draufzusetzen, und zwar als Anlegemast für Luftschiffe aus Europa: Die Passagiere würden das Luftschiff über Laufplanken verlassen und nach einer Fahrstuhlfahrt direkt auf die Fifth Avenue spazieren können. Das Manöver wurde auch einmal – und wegen der starken Winde dort oben dann auch nie wieder – ausprobiert, war aber auch nebensächlich: es ging um den Höhenrausch.

          Eroberung des Himmels

          Die Helden des 19. Jahrhunderts waren Eroberer der Horizontale, Cowboys und Ölpioniere – die Cowboys des 20. Jahrhunderts waren Helden der Vertikale, Hochhausbauer, Astronauten. Der abgeschlossenen Eroberung des Westens und der Erde folgte die Eroberung des Himmels, und das Hochhaus machte „oben sein“ als Metapher für gesellschaftlichen Erfolg sinnfällig: Im Hochhaus saß der Chef oben, und die Position war auch eine souveräne Kontrollgeste – nicht umsonst gibt es die Rede vom „unternehmerischen Weitblick“.

          Wobei dem Hochhaus mittlerweile der Ruf anhaftet, ein überdeutliches Symbol für arabische Öldynastien und autoritäre Wirtschaftsoligarchien, also unraffiniert zu sein. Die neuen Zentralen der Macht in der westlichen Welt verstecken ihren Machtanspruch lieber in Bauformen, die die Architekturhistorikerin Louise Mozingo einmal als „Pastoral Capitalism“ bezeichnet hat: Apple baut in Cupertino ein flaches, von der Straße fast unsichtbares Riesenufo in einen Park hinein, Facebook lässt sich von Frank Gehry das größte Großraumbüro der Welt unter einem begrünten Landschaftsdach verstecken, was man auch als Teil einer visuellen Strategie sehen kann: Die Bewusstseinskonzerne wollen ihre Macht nicht durch Baumassen zeigen, sie sind omnipräsent, aber unsichtbar, sie wirken untergründig.

          Trotzdem ist das Hochhaus offenbar immer noch ein wirkungsvoller Metaphernlieferant für Macht: 374 Meter hoch wird der im Bau befindliche Wohnturm sein, den die Architekten Kohn, Pedersen und Fox gerade auf dem Gelände der Hudson Yards am gleichnamigen Fluss in Manhattan errichten. Der Wolkenkratzer ist Teil des größten Immobilienprojekts der Stadt: Die fünfzehn Milliarden Dollar teuren „Hudson Yards“ werden eine kleine Stadt aus siebzehn Bauten mit Wohnungen, Büros und einem Shopping Center sein, eine Stadt in der Stadt.

          Natürlich ist die Beliebtheit von Hochhäusern gerade in Schwellenländern nicht allein über ihren Symbolwert zu erklären, sondern vor allem durch ihre Exklusivität im verteidigungstechnischen Sinn des Worts. Wer in São Paulo in einer Villa wohnt, muss den ganzen Garten bewachen lassen – ins Hochhaus kommt nur herein, wer in den Fahrstuhl gelassen wird. Eine seltsame Inversion hat stattgefunden: Früher verband sich mit Wohnhochhäusern die Vorstellung von Armut und sozialem Wohnungsbau, wer reich war, hatte ein Haus, heute ist es umgekehrt: Der Fahrstuhl als soziales Nadelöhr trennt die Begüterten von denen aus den horizontalen Favela-Häusern, die ihnen zu nahe kommen wollen.

          All das sind allerdings keine Lösungen für die Probleme, die demnächst auf Architekten und Welt zukommen: Bis 2050 erwarten die Vereinten Nationen einen Bevölkerungsanstieg um mindestens 1,5 Milliarden Menschen. Bis 2030, heißt es in einer Studie der Deutschen Bank, müssen weltweit etwa eine Milliarde zusätzlicher Wohnungen fertiggestellt werden, um den Bedarf zu decken. Wie werden die Hunderte von Millionen Wohneinheiten aussehen, die man in jedem Fall bauen muss? Wäre eine Architektur denkbar, die die ökologisch problematische Ausdehnung in die Fläche verhindert, aber weniger kostspielig – und sozial weniger exklusiv – ist als die neuen Hochhäuser?

          Ein Denkmodell liefert Herzog & de Meurons „56 Leonard Street“, das höchste Wohnhaus in Tribeca und unter den neuen Luxustürmen der formal interessanteste: Oben wird der Bau auseinandergezogen, er bildet Terrassen aus und Freiräume. Wenn man solch eine Architektur nicht an einem privaten Fahrstuhl, sondern an einer öffentlichen Rampe entlang baute, würde das Stadtleben in die Höhe geschraubt, private Gärten würden in hängende Parks übergehen, es würde Platz gespart, die Stadt massiv verdichtet – und für alle begehbar sein. Vielleicht ist es ja diese Form, nach der sich all die verlegenen, verdrehten, verquält sich biegenden neuen Hochhäuser so verzweifelt strecken.

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