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Architektur im Höhenrausch : Die Unruhe vor dem Turm

Muster an Eleganz: New Yorker Wohnhochhaus von Herzog & de Meuron Bild: AP

Es werden so viele Hochhäuser wie nie zuvor gebaut. Aber was erzählen uns ihre bizarren Formen über unsere Zeit?

          In Bombay steht seit einiger Zeit ein Hochhaus, das ganze 174 Meter hoch ist und nach den sehr stark schwankenden Schätzungen der lokalen Presse zwischen 75 und (eher unwahrscheinlich) 700 Millionen Euro gekostet haben soll, so genau weiß es niemand; in jedem Fall wäre es für ein Hochhaus eine eher lächerliche Höhe, wenn der Turm ein normales Büro- oder Apartmentgebäude wäre.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Das ist er aber nicht – sondern das höchste Einfamilienhaus der Welt, erbaut vom Architekturbüro Perkins and Will aus Chicago für den Besitzer des Petrochemiekonzerns Reliance Industries, den indischen Milliardär Mukesh Ambani. Angeblich kümmern sich sechshundert Angestellte um das Haus, die indische Schriftstellerin Shobhaa Dé nannte es den „Taj Mahal des 21.Jahrhunderts“, Versailles sehe dagegen bloß „wie ein armer Cousin“ aus, geradezu lächerlich: Die neuen Sonnenkönige bauen sich keine Schlösser und Paläste mehr, sie wollen senkrecht herrschen.

          Dabei schien es für einen kurzen Moment, als wäre es vorbei. Für einen Moment sah es so aus, als sei mit dem Einsturz der Türme des World Trade Centers am 11. September 2001 auch das Jahrhundert der Wolkenkratzer zu Ende gegangen – zumal bald nach den Türmen auch die Börsenkurse stürzten und die geplanten Hochhäuser, mit denen sich die Gewinner der New Economy Denkmäler im Stil des 20.Jahrhunderts setzen wollten, Projekte blieben. In der Literatur der ersten Jahre nach 9/11 wurde das Ende des Hochhauses in vielen Erzählungen vorhergesagt, eine der schönsten schrieb Gregor Hens, in dessen Erzählung ein Deutscher und eine Amerikanerin, denen in Manhattan das Geld ausgeht, in den Hotels immer weiter nach oben ziehen – weil die Zimmerpreise ganz oben inzwischen am billigsten sind.

          Doch das blieb nicht lange so. Die Fragilität der Hochhäuser war offensichtlich nichts gegen die Fragilität der fiktiven Werte, die in der New Economy gehandelt wurden. Ein Hochhaus kann einstürzen – das hieß auf den Finanzmärkten vor allem, dass es nachweisbar da ist und damit im Vorteil gegenüber all den eher fiktiven Dingen, in die man zuvor sein Geld gepumpt hatte: Ab 2002 wurde so viel Geld wie nie zuvor ins globale Hochbaugewerbe investiert, die Jahre von 2001 bis 2008 wurden zur Dekade des großen Immobilienwahnsinns, und der Crash 2008 bremste diese Euphorie nur kurz. Man hatte zu viele Büros gebaut, aber das Geld war immer noch da, und das, was man nicht erneut in fiktiven Werten versenkt hatte, ging nun vor allem in Wohntürme, denn gewohnt werden muss immer. Selten wurden so massiv in die Höhe gebaut wie heute: Allein in London sollen in den kommenden Jahren 236 Hochhäuser entstehen, davon etwa ein Fünftel 160 Meter oder höher, Prinz Charles persönlich läuft schon Sturm gegen die neue Skyline, in der Big Ben wie der Zaunpfosten an der Einfahrt zum Bankengelände aussehen wird.

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