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Die Seele des Landes : Klees Kaffeetasse und Japans Katastrophe

  • -Aktualisiert am

Reine Routine: ein Vortrag im National Museum of Modern Art in Kyoto über „Paul Klee und die Natur“. Dann aber kamen das Erdbeben, der Tsunami und die Atomexplosion. Plötzlich wurde aus der Rede über den Zaubermaler der Moderne eine Ungeheuerlichkeit. Ein Erfahrungsbericht.

          6 Min.

          Schwebend über der sonnig glitzernden Wasseroberfläche setzt am Samstag, dem 12. März 2011, um 9.10 Uhr Ortszeit eine Maschine der KLM zum Anflug auf den Osaka Kansai Airport an - ein romantisches Bild, das ich in dieser Unschuld wenige Tage später so nicht mehr sehen kann. Auf den Werbetafeln am Flughafen ist Natur als Sehnsuchtsort in knallbunten Digitalaufnahmen allgegenwärtig, für europäische Augen ein fast schmerzhafter Eindruck, noch dazu nach einem nächtlichen Langstreckenflug.

          Auf der Fahrt nach Kyoto wird dem Betrachter deutlich, dass Natur hier als Gegenbild zu den verschachtelten grauen, braunen und weißen Industriestädten dient: Weite gegen minimalen Lebensraum, blaugrüne Stille gegen Lärm und Funktionalität. „Strahlendblau“ denke ich und zögere jetzt, es aufzuschreiben. Beobachtungen, die ich zunächst nur interessant finde, werden sich bald in einer Weise verdichten, die ich mir als Kunsthistorikerin nicht im Traum hätte einfallen lassen.

          Während des fünfzehnstündigen Fluges gab es keine Informationen über den nuklearen Notfallzustand, der am 11. März um 11.03 Uhr Mitteleuropäischer Zeit ausgerufen wurde und sich in Folge der größten Naturkatastrophe in Japan ereignet hatte. Wir werden geradewegs hineingeflogen in ein Unglück, das jetzt, Tage später, voll präsent ist, auch in Kyoto, der Kaiserstadt Japans und Seele des Landes, wie es in Touristenführern heißt. Kyoto ist knapp vierhundert Kilometer von Tokio entfernt, das wiederum zweihundertzwanzig Kilometer weg von den seit Tagen im Stakkato explodierenden Atomreaktoren in der Präfektur Fukushima liegt. Diese Entfernungen sind ungeheuer wichtig.

          Japanische Augen sehen jede Farbschattierung

          Bei der Planung der Reise erschienen sie noch als einladende Nähe - mit dem Nozomi-Superexpress, dem „lichtschnellen“ japanischen Zug, gelangt man in nur zwei Stunden und zwanzig Minuten von Kyoto nach Tokio. Jetzt male ich mir stattdessen die Zahlen als größtmögliche Distanz aus, als ein Maß, das die Abnahme radioaktiver Strahlung verspricht. Kyoto, da ist man doch sicher, oder?

          Ich hatte eine Einladung des National Museum of Modern Art in Kyoto und der Ritsumeikan University erhalten, um im Rahmen einer Klee-Ausstellung und einer Konferenz einen Vortrag über „Klee and Nature“ zu halten. Ich sagte zu und nahm mir vor, auch noch einige wissenschaftliche Kontakte in Tokio aufzunehmen. Akademische Arbeitsroutine, alles mit größtmöglicher Effizienz geplant. Im Vorfeld plagte mich ein wenig das schlechte Gewissen (Sollte man Japan nicht auch sehen und genießen?), nun bildet eben diese Routine den rettenden Rahmen: Es bleibt keine Zeit im Hotel, nach Hause zu telefonieren oder den Internetzugang zu organisieren. Eilig geht es ins Museum, wo tags zuvor im Beisein der Vertreter der Schweizer Botschaft, der Sponsoren, Aljoscha Klees, Paul Klees Enkel, und der Direktoren der leihgebenden Museen die Ausstellung „Paul Klee. Art in der Making 1883 - 1940“ eröffnet wurde.

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