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Ausstellung : Die Rösser des Hans Baldung Grien

Im Augustinermuseum in Freiburg ist ein Genie der deutschen Renaissance zu sehen. Die Ausstellung überzeugt mit eigenen Beständen, der Künstler besticht durch seine kühne Virtuosität.

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          Was war das für einer, der sich diese Kühnheiten herausnahm, vor einem halben Jahrtausend? Der Szenen in Holz schnitt, die so nie zuvor gesehen worden waren. Der das tat mit christlichen Motiven und mit solchen von animalischer Weltlichkeit? Die Zehn Gebote als Genreszenen, schlimme Hexen und erbittert kämpfende Hengste. Es ist ein Geheimnis um ihn geblieben, um seine unerhörten Erfindungen, bis heute.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Geboren als Hans Baldung, im Jahr 1484 oder 1485 in Schwäbisch Gmünd, stieg er zu einem der bedeutendsten Künstler der deutschen Renaissance auf. Schon seine Zeitgenossen feierten ihn. Als er 1545 in Straßburg stirbt, ist er wohlhabend und geehrt, einer der Ratsherren der Stadt. Vielleicht hat schon seine Herkunft dieses Selbstbewusstsein in ihm angelegt. Schwäbisch Gmünd war eine Freie Reichsstadt, keinem Landesherrn unterstellt, rechtsunmittelbar dem Kaiser des Heiligen Römischen Reichs, und Hans Baldung entstammte einer humanistisch geprägten Gelehrtenfamilie. Er setzte seinen Wunsch durch, Künstler zu werden, und er schaffte es nach Nürnberg, in die Werkstatt des dreizehn oder vierzehn Jahre älteren Albrecht Dürer. Er ist Dürers Geselle von 1503 bis 1507, hochgeschätzt vom Meister, und er selbst bleibt Dürer lebenslang verbunden. In Nürnberg erhält er auch seinen Beinamen „Grien“, der Grüne - vielleicht weil er grüne Kleidung bevorzugte oder zur Unterscheidung von den zwei anderen Hansen, die in Dürers Atelier arbeiten.

          Die Regeln laufen aus dem Ruder

          Seine ungebrochene Berühmtheit verdankt Baldung jedoch dem herrlichen Hochaltar des Freiburger Münsters, den er zwischen 1512 und 1516 erschafft, in dieser Zeit lebt er in der Stadt auch. Das Gebiet des Oberrheins wird überhaupt zu seiner Domäne. Nun zeigt das Augustinermuseum in Freiburg aus seinem splendiden Bestand an Graphik Hans Baldung Griens eine Schau mit Arbeiten von diesem „Meister des expressiven Holzschnitts“. Rund sechzig Holzschnitte sind präsentiert, passend vor tiefgrünem Grund, Einzelblätter und Buchholzschnitte. Ihre Dichte macht ein intimes Kraftfeld auf, weit über die Grenzen der ersten Hälfte des sechzehnten Jahrhunderts hinaus, bis in unsere Moderne hinein. Die Überschreitung des Gewohnten geschieht tatsächlich, als Baldung sich aus Dürers Nähe löst - ohne ihn als Vorbild und Vorlage zu verlassen - und nach Freiburg kommt. Er wird Dürer niemals verleugnen, allerdings sprengt er dessen Muster auf.

          Das lässt sich in der Ausstellung sehr schön verfolgen, an ihrem Anfang stehen feine Blätter Dürers. Mit Baldungs Passion Christi, die zwischen 1505 und 1516 entsteht, entfaltet sich dann seine Wucht der Imagination, in der Darstellung von Schmerz und Leiden. Schon seine „Kreuzannagelung“ von 1507 zeigt Christus als erbarmungswürdigen Menschensohn, unter der Gewalt der Hammerschläge. In seiner „Beweinung Christi“, etwa ein Jahrzehnt später, laufen die Regeln dessen, was bisher als darstellbar galt, aus dem Ruder: Was in Dürers „Kupferstich-Passion“ noch einer Ordnung im Bildaufbau folgte, löst Baldung auf im veritablen Kollaps. Maria verschmilzt mit ihrem toten Sohn zu einer kompakten Schmerzenseinheit; Christus ragt in halber Untersicht dem Betrachter entgegen, entblößt aller Rücksichtnahme.

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