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Manifesta 13 in Marseille : Leuchtende Gallewellen

Angriff oder Verteidigung? Die Wahrnehmung der breitschuldrigen und dunklen „Keepers“ von Arseny Zhilyaev im Musée Grobet-Labadié oszilliert in der ebenso fußballbegeisterten wie gewaltgeplagten Stadt Marseille zwischen Torwarten und Spezialeinsatztruppen. Bild: Jean Christophe Lett / Manifesta

Mit herkulischer Kraft: Die Manifesta als zweitgrößte Kunstbiennale Europas wurde von Corona eingeholt. Sie schlägt sich dennoch wacker – gerade weil das Damoklesschwert der Lebensbedrohung sie existenziell macht.

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          Viel wurde in den vergangenen Monaten darüber diskutiert, ob Großveranstaltungen in der Kunstwelt je wieder möglich sein werden, wurde doch bislang fast alles abgesagt oder verlegt. Auch die neben der Venedig Biennale zweitgrößte Kunstveranstaltung Europas, die nomadisch alle zwei Jahre in eine andere Stadt einziehende Manifesta, war wegen Covid-19 in Gefahr. Wie wären die sechs Hauptstationen in den großen Museen der Stadt und die sechsundachtzig Satelliten innerhalb des Weichbildes von Marseille bis nach Nizza, Aix und Arles zu bespielen? Wie - eine pragmatische Frage - mit den Künstlern, die wegen der Pandemie nicht nach Marseille reisen durften, der Aufbau ihrer Arbeiten vor Ort zu besprechen? Der amerikanische Künstler Peter Fend bildete hier das Extrem: Fünftausend Mails flogen zwischen den Vereinigten Staaten und Frankreich hin und her, bis alle Fragen zum Aufbau seiner Installationen zu brennenden ökologischen und sozialen Fragen im barocken Zollgebäude am Hafen Marseilles geklärt waren. Die Mühe hat sich gelohnt: Fend zeigt, dass sich die seit phönizischer und griechischer Zeit auf dem Meer verlaufenden Handelsrouten von dieser ältesten Stadt Frankreichs aus heute ins Untermeerische verlagert haben: Von einer riesigen Serverfarm in einem deutschen Weltkriegsbunker am Rande von Marseille aus laufen die vierzehn größten Internetkabel in die Welt hinaus, so dass der einstige materielle Seehandel heute durch jenen mit Informationen ersetzt wurde, politische Implikationen inbegriffen, wenn etwa das ehemals portugiesische Mozambik als einziges afrikanisches Küstenland keinen Abzweig dieser Datenleitung erhält.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Nicht nur macht Fend in leonardesken Diagrammen Unsichtbares anschaulich; wie der geniale Renaissancekünstler entwirft er auch potentielle Lösungen für die Abwasser- und Energieproblematik der Stadt, wenn er statt großer Staudämme im Naturschutzgebiet kunstvolle kleine Schaufelräder entwickelt oder die in den Nationalpark Calanques nahezu ungeklärt eingeleiteten Abwässer mit Hilfe einer aus Fesselballons passgenau in die Abwasserströme geworfenen Alge säubern will. Das klingt versponnen utopisch. Dass wie bei Leonardos Maschinen aber Kunst und Techné bisweilen Hand in Hand gehen, zeigt gerade das Abwasser der Millionenstadt - längst schon wird durch die Überwachung der Covid-19-Last im Abwasser Marseilles der nächste Höhepunkt der Pandemie mit Auswirkungen auch auf die Kultur der Stadt vorhergesagt.

          Ins Geflecht der Städte eindringen

          In einer Zeit rasant steigender Infektionszahlen im Land wurde nun am vergangenen Wochenende mit herkulischem Kraftaufwand der zweite und letzte Teil der Großausstellung eröffnet - sie wirkt zynischerweise gerade durch das Damoklesschwert der Lebensbedrohung so existentiell berührend wie keine Manifesta zuvor. Das Konzept der Manifesta, die verwobenen Rhizome der Kulturgeschichten Europas durch Kuratoren von außen sichtbar zu machen, barg stets die Gefahr externen Oktroyierens stadtfremder Wahrheiten. Die in Mitteleuropa übliche Herangehensweise in solchen Ausstellungen wäre das Kontrastieren zweier Bilder aus dem Damals und Heute, um aus dem Gegensatz Funken zu schlagen. Wenn beispielsweise in der prächtigen Barocksammlung des Musée des Beaux Arts auf dem Hügel über der Stadt neben Rubens, Brueghel und dem Hausheiligen Puget ein besonders schönes Stillleben des 1640 in Frankfurt am Main geborenen Kaufmannssohns und Malers Abraham Mignon hängt, könnten daran grenzüberschreitende und präglobalisierte Phänomene künstlerischer Tätigkeit aufgezeigt werden, kontrastiert eben mit zeitgenössischen Echos darauf.

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