https://www.faz.net/-gqz-9pkxs

100 Jahre Museum für Gegenwart : Für die Kunst der Lebenden

  • -Aktualisiert am

Blick in einen Raum des Kronprinzenpalais, um 1930/31: Werke neben anderen von Willi Baumeister, Friedrich Vordemberge-Gildewart, Oskar Schlemmer, László Moholy-Nagy und Jean Metzinger und Rudolf Belling Bild: VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Der übrigen Welt weit vorausgeeilt: Vor hundert Jahren eröffnete die „Neue Abteilung“ der Berliner Nationalgalerie. Sie war das erste Museum in Deutschland nur für Gegenwartskunst.

          6 Min.

          Die „Neue Abteilung“ der Nationalgalerie“ im Kronprinzenpalais in Berlin war das Kunstmuseum der Weimarer Republik – und das erste Museum für zeitgenössische Kunst in Deutschland. Die Zeitgenossenschaft war ihr Triumph und ihr Schicksal.

          Der Krieg war zu Ende. Der Kaiser und die Monarchen der deutschen Länder hatten abgedankt. In Berlin war die Republik ausgerufen worden, die ihren Namen anfangs noch nicht von der Stadt der Klassiker ableitete. In Weimar konstituierte sich im Frühjahr 1919 die verfassunggebende Nationalversammlung, und dort wurde das Staatliche Bauhaus als nicht vorgängerlose, aber vorbildlose Kunst- und Designschule der Moderne gegründet.

          Die ehemals kaiserlichen Institutionen waren währenddessen auf der Suche nach einer neuen Identität. So auch die Nationalgalerie unter der Leitung von Ludwig Justi. Hier, im Herzen Berlins, auf der Museumsinsel, hatte der „Kampf um die Moderne“ begonnen: Hugo von Tschudi, Direktor der Nationalgalerie von 1896 bis 1909, hatte sich mit höfischer Repräsentationskunst und der Beschränkung auf preußischen Glanz und Gloria nicht begnügen wollen, sondern die Sammlung für die Moderne geöffnet.

          Noch in seinem ersten Amtsjahr erwarb er Manets „Im Wintergarten“ und erweiterte die Sammlung behutsam und konsequent um Werke des Impressionismus und Postimpressionismus, von Monet, Degas und Cézanne. Die Nationalgalerie verwandelte er damit von einem Ruhmestempel deutscher Kunst zu einem Kunstmuseum von internationalem Rang. Doch Hugo von Tschudi blieb abhängig vom Wohlwollen des Kaisers, der aus seiner Ablehnung der Moderne keinen Hehl machte und sich ein Vetorecht bei den Erwerbungen vorbehielt. Im Jahr 1909 gab Tschudi auf und wechselte nach München. Ludwig Justi wurde sein Nachfolger.

          Justi im Kampf für die Moderne

          Justi, der zuvor für kurze Zeit Direktor des Städelschen Kunstinstituts gewesen war, hatte 1904 für die Frankfurter Museumssammlung ein Gemälde Claude Monets erworben. Als ihm in Frankfurt die Verschmelzung des Städelmuseums mit der – auf zeitgenössische Kunst ausgerichteten – Städtischen Galerie indes nicht gelang, warf er hin und ging nach Berlin. Nach der Abdankung des Kaisers gelang ihm hier der entscheidende Schritt zur Reform der Museen: die Gründung einer Galerie der Gegenwart.

          Bereits vor dem Weltkrieg hatte Ludwig Justi begonnen, die Nationalgalerie von historistischen Werken zu „entrümpeln“: Schlachtenbilder und Marinestücke gab er an das Zeughaus ab, und die zahllosen Porträts, die zur Ehrung von Generälen und Gelehrten in Auftrag gegeben worden waren, verlagerte er in eine Nationale Bildnissammlung, die in der Schinkelschen Bauakademie ihren Platz fand.

          Vor und während des Ersten Weltkriegs hatte Justi auch begonnen, die Sammlung um atelierfrische Werke der Gegenwartskunst zu erweitern: 1912 erwarb er Georg Kolbes raumgreifende „Tänzerin“, im folgenden Jahr Max Slevogts Theater-Bildnis „Francisco d’Andrade als Don Giovanni“. Rudolf von Valentini, Chef des Geheimen Zivilkabinetts des Kaisers, war über den Ankauf entsetzt. Für den Kampf um die Moderne war der Erwerb jedoch ein Signal für die Zukunft: „Der Eindruck dieses Ankaufes in der Kunstwelt war ganz außerordentlich“, erinnerte sich Justi später: „Endlich nach so vielen Jahren ein Stück moderner Malerei in der geknebelten Galerie!“ Die endgültige Entfesselung der Nationalgalerie vom Kunstgeschmack des Hofs erfolgte mit der Gründung der Republik. Die Schaffung einer Galerie der Gegenwart wurde möglich durch die Loslösung eines Teils der Sammlung aus dem Tempelbau der Nationalgalerie auf der Museumsinsel.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Moderne Gesellschaften : Die Zukunft der Jugend

          Zwischen Aktivismus und Hedonismus: Was haben junge Leute für Perspektiven in einer Gesellschaft, in der am liebsten alle „forever young“ wären? Über ihre Zukunft zu sprechen scheint paradox.
          In einem mobilen Impfzentrum im sächsischen Markkleeberg lässt sich eine Bürgerin am 10. Mai 2021 gegen Covid-19 impfen.

          Repräsentative Studie : Was die Sachsen über Corona denken

          Ist Sachsen ein Land der „Querdenker“? Ja und nein, ergab eine repräsentative Studie. Besonders weit gehen die Meinungen bei Leuten auseinander, die selbst eine Corona-Erkrankung durchgemacht haben.
          Der Kiessee: Göttingen ist laut der EU-Umweltagentur EEA die deutsche Stadt mit der besten Luftqualität.

          Rangliste : Wo die Luft am besten ist

          Wie steht es um die Luftqualität in Städten Europas? Diese Frage beantwortet die EU-Umweltagentur mit einer Liste von mehr als 320 Städten. Wo landen die deutschen Vertreter?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.