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Die Lage der Museen : In der Hierarchiefalle

  • -Aktualisiert am

Wer große Häuser gegen kleine ausspielt, dient der Politik, nicht der Kultur. Eine Replik auf die brisante Analyse von Christiane Lange, der Direktorin der Staatsgalerie Stuttgart, zur Lage der Museen.

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          Bei vielen Gelegenheiten wird die große Dichte kultureller Institutionen in Deutschland beschrieben. Je nach Standort gilt die Situation als Chance oder als Fluch. Christiane Lange, die Direktorin der Stuttgarter Staatsgalerie, spricht ihrerseits von einer Inflation an Kulturhäusern, Kunstmessen und Biennalen: „Alle diese Museen konkurrieren um Geld, Besucher und Aufmerksamkeit.“ Die anschließende Forderung - oder sagen wir der Diskussionsbeitrag - von Christiane Lange ist verführerisch und klingt zunächst konsequent. Auf die Frage, ob man vor diesem Hintergrund auch über Museumsschließungen nachdenken solle, lautet die Antwort: „Auch darüber muss man nachdenken dürfen.“

          In der Tat, so schreibt auch die Stuttgarter Museumschefin, sitzen die Museen in der Geld-Besucherzahlen-Falle. So lange wir aus dieser nicht ausbrechen und unsere Museen allein durch die Anzahl der Besucher definieren, so lange werden wir immer häufiger mit Museumsschließungen, vor allem im ländlichen Raum, zu kämpfen haben. Es ist richtig, dass wir vor diesem Hintergrund erneut über die Definition der Institution Museum nachdenken und uns fragen müssen, wie wir unsere Kulturtempel definieren und welche Wertigkeit wir ihnen zugestehen. In dieser Diskussion jedoch gerät man schnell in eine weitere Falle, die ich einmal als die Hierarchiefalle bezeichnen möchte. Nur zu gerne verknüpfen wir die Wertigkeit eines Museums mit seiner Größe und seinem Standort. Dies birgt die Gefahr, dass die Großen als wichtig gelten, den Kleinen aber angeraten wird, sich zusammenzuschließen oder ganz zu schließen.

          Hier wird deutlich, dass wir uns innerhalb der Museumskollegen ohne Not auseinandermanövrieren lassen, wo doch ein einhelliges Bekenntnis zur Vielfalt der Kultur, zur kulturellen Bildung, zum Museum gefragt wäre. Angemerkt sei auch, dass diese Vielfalt historische Gründe hat, und das stets gelobte bürgerliche Engagement, dass als Gründungsmotor bis heute bedeutsam ist, findet sich keineswegs nur in den Metropolen der Republik.

          Die Sammlung als „unabgeschlossener Prozess“

          Aus dieser Falle, in der Groß gegen Klein ausgespielt wird, kommen wir nur heraus, wenn wir die Bedeutung der Institution Museum erkennen und das Aufgabenfeld gesamtgesellschaftlich definieren. Hierbei ist zunächst völlig unerheblich, wie groß oder klein und an welchem Ort sich das Museum befindet. Wie äußert sich aber die gesellschaftliche Relevanz eines Museums? Sie kann sich zum einen darin äußern, dass das Museum wertvolles Kulturgut sammelt und bewahrt sowie öffentlich zugänglich macht. Sie äußert sich darin, dass es am öffentlichen Diskurs teilnimmt, sei es durch Diskussionen, künstlerische Einlässe oder auch Ausstellungen. Das Museum kann ein wichtiges Bindeglied zur Kunst- und Kulturwissenschaft sein und ist selbst Wissenschaftsstandort.

          Immer bedeutsamer wird zudem das weite Feld der kulturellen Bildung. Das Museum ist von Haus aus eine multikulturelle Institution, ein Ort, an dem sich die Kulturen begegnen und miteinander das Gespräch suchen. Es ist ein offener und öffentlicher Raum, ein Ort der Kommunikation, an dem Menschen zusammenkommen, um mit und über die Kunst teilzuhaben an gesellschaftlichen Diskursen. Das Thema der Integration, vor dem unsere Gesellschaft in den kommenden Jahren steht, findet im Museum seinen idealen Partner. Dies alles leisten Museen heute, und sie leisten es keinesfalls nur in Stuttgart, Hamburg oder Berlin. Sie leisten es auch in der Provinz. Insbesondere sind es die kleinen und mittleren Häuser, meist in kommunaler Aufsicht, die eine kulturelle Grundversorgung sicherstellen.

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