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Russische Kunst in Paris : Picassos Fächerfrau war eigentlich gar nicht sein Fall

  • -Aktualisiert am

Große Schule der Kunst: In Paris ist die legendäre Sammlung des Moskauer Textilunternehmers Sergei Schtschukin zu sehen. Die Eröffnung sollte so etwas wie ein Staatsakt sein. Doch der fiel aus.

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          Kein Putin. Kein Hollande. Dort, wo die beiden Staatschefs hätten stehen sollen, um die Kooperation zwischen der Fondation Louis Vuitton, dem Moskauer Puschkin-Museum, der Sankt Petersburger Eremitage und der russischen und französischen Kulturministerien mit einem satten Handschlag zu besiegeln, blieb der Platz bei der Eröffnung in Paris leer. Wie schon die Einweihung der neuen orthodoxen Kirche auf der Rive Gauche ein paar Tage zuvor fiel auch die Eröffnung von „Icônes de l’Art Moderne. La Collection Chtchoukine“ in der Fondation Vuitton in das tiefe diplomatische Loch, das sich zwischen Frankreich und Russland auftut und das so manch einen Kommentator in Paris zu Kalte-Krieg-Assoziationen verleitet. Und so fand der „historischen Moment“, das „Wunder“ des künstlerischen Austauschs zwischen Frankreich und Russland, ohne die Staatschefs statt.

          Und ein Wunder ist es schon, wenn man sieht, was der Moskauer Textilunternehmer Sergei Iwanowitsch Schtschukin in seinem Leben an Kunst zusammengetragen hat. „Für jemanden wie mich, der sich sein Leben lang mit der Avantgarde beschäftigt hat, wird hier ein Traum wahr“, sagt Anne Baldassari, die Kuratorin der Ausstellung. Schtschukin war zwar in Vergessenheit geraten, seine Bedeutung für die französische und vor allem die Entwicklung der russischen Avantgarde ist aber kaum zu überschätzen. Kurz nachdem Baldassari nach zehn Jahren treuer Arbeit als Leiterin des Pariser Musée Picasso von der ehemaligen Kulturministerin Aurélie Filippetti recht unsanft entlassen wurde, klingelte ihr Telefon. Es war André-Marc Celocque-Fourcaud, Enkelsohn von Schtschukin, der sie bat, die künstlerische Leitung der Ausstellung über die Sammlung seines Großvaters zu übernehmen. Seitdem sind zwei Jahre vergangen. Zwei Jahre harter Verhandlungen, um diese von den Bolschewiken beschlagnahmte, unter Stalin zerschlagene und auf die Eremitage und das Puschkin-Museum - oder besser gesagt auf ihre Depots, denn die Werke galten als degeneriert und bourgeois - verteilte Sammlung zusammenzuführen und in die Pariser Fondation Vuitton zu bringen. In gewisser Weise schließt sich hier ein Kreis, denn in Paris ist die Kunst entstanden, hier hat Schtschukin sie entdeckt.

          Schtschukin sammelt nur die Besten

          Es war um 1907, als dieser kleine, stotternde Mann, von dem eine Gefährtin von Picasso unfreundlich behauptete, er habe das Gesicht eines Schweines, die Wohnung von Gertrude und Leo Stein in der Rue de Fleurus betrat und Matisses „Lebensfreude“ erblickte. Das Bild raubt ihm den Atem. Und das, obwohl er bei weitem kein Neuling unter den Sammlern ist. Er kauft bereits seit 1889 Werke von Pissarro und Maurice Denis, vor allem aber von Monet, dessen Gemälde in Paris so sommerlich leuchten, dass man sich unter den duftenden Magnolien verkriechen möchte. Zu Schtschukins Sammlung zählen mehrere Cézannes, darunter sein Selbstporträt von 1882, von dem Malewitsch meinte, es sei das beste des Meisters. Dazu kommen zahlreihe Gauguins, denen Baldassari einen Raum widmet. Die zeitgenössische Kunst, auch jene, die man in den Salons belächelt, ist für Schtschukin also nicht neu, doch die Begegnung mit Matisse ist etwas anderes. Sie ist ein Wendepunkt.

          Matisse sei für den Textilunternehmer ein Mentor gewesen, sagt Baldassari, er führt ihn in den Fauvismus ein, er ist sein Führer ins radikal Neue. Insgesamt kauft Schtschukin zweiundvierzig Arbeiten des Malers und lässt ihn speziell für seinen Trubezkoi-Palast mehrere „dekorative Tafeln“ anfertigen. Schtschukin akzeptiert, dass Matisse ihm „La desserte rouge“ statt wie geplant in Rot einfach in Blau liefert, und lädt ihn 1911 ein, seine Arbeiten selbst zu hängen, was zu einer großen Umgestaltung des Moskauer Esszimmers führt. Als das von ihm georderte „Der Tanz“ auf dem Salon d’Automne in Paris 1909 einen Skandal auslöst, stellt Schtschukin es in seinem Palast aus, der seit 1908 mehrmals in der Woche für die Moskauer Intelligenzia geöffnet wird. Den Spott und das Gelächter ist Schtschukin bereits gewöhnt - man hält ihn für einen Verrückten, der sein Geld für die Kunst von anderen Verrückten aus dem Fenster wirft, und sieht in seinem schlechten Geschmack das Merkmal des Parvenüs. So mancher Gast soll sein Unwohlsein gegenüber dieser augenschmerzenden Kunst sogar durch Protestschmierereien kundgetan haben - ein Monet fiel diesem Vandalismus zum Opfer.

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