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Die Krönung der Kirche : Dem Schatten entronnen

  • -Aktualisiert am

Krönung des Wiederaufbaus: Der Dresdner Frauenkirche sind Turmdach und Kuppelkreuz aufgesetzt worden. Die Schönheit des äußerlich vollendeten Bauwerks läßt die mahnende Ruine doch nicht verschwinden.

          Am 15. Februar 1945, zwei Tage nach dem Untergang Dresdens, stürzte die Frauenkirche ein, die vorher zu aller Staunen scheinbar unversehrt die Ruinenberge überragt hatte. In einigen Augenzeugenberichten heißt es, der mächtige Bau sei lautlos in sich zusammengesunken, nur eine Art dröhnendes Ächzen sei zu hören gewesen, danach Totenstille.

          Das ist kaum glaublich. Doch auch als vermutliche Ausgeburt traumatisierter Phantasie hat das Bild eine höhere Wahrheit auf seiner Seite: Mit dem Einsturz der Frauenkirche starb das alte Dresden endgültig, und mit ihm symbolisch das alte Deutschland und seine Kultur. Als Schreckensbild und Allegorie des furchtbaren Tributs, den der deutsche Fall in die Barbarei gefordert hatte, prägte sich dann der stehengebliebene Torso des Chors allen Deutschen ein.

          Die Krönung

          In ganz Deutschland konnte am Dienstag abend, wer wollte, die Auferstehung der Frauenkirche in einer Live-Übertragung des MDR beobachten. Unter Chorälen und dem Jubel von zirka dreißigtausend Gästen hob ein Spezialkran die Turmhaube und das krönende, acht Meter hohe Goldkreuz auf die Kuppelspitze. Zehn Jahre und einen Monat nach der Grundsteinlegung des Wiederaufbaus ist damit die ursprüngliche Höhe des Gotteshauses von 91,24 Metern erreicht.

          Ein Ehrengast der Zeremonie war der Herzog von Kent, der Präsident des "Dresden Trust", der in England rund 750.000 Euro für den Wiederaufbau gesammelt und auch die Nachbildung des Kuppelkreuzes finanziert hat. Sie wiederum ist von einem Silberschmied angefertigt worden, dessen Vater einer der Piloten war, die am 13. Februar 1945 Dresden bombardierten.

          Die Spendeninitiative und die Kreuzübergabe sind eine ergreifende Geste der Aussöhnung - der Silberschmied sprach am Dienstag sogar von Reue -, die den Geist von Coventry weiterträgt, jener englischen Kathedrale, die Deutsche am 14. November 1940 bombardiert hatten und die zwischen 1956 und 1962 auch mit deutschen Spenden wiedererstand. Ihr gegenüber erscheint die Unbeirrbarkeit, mit der in London 1992 dem Fliegergeneral Harris ein Denkmal gesetzt wurde, als Anachronismus, der mit englischen Eigenarten der Selbstwahrnehmung zu tun hat, nichts aber mit dem heutigen Verhältnis beider Völker.

          Detailgetreue Nachbildung

          In einem jedoch sind Coventry und Dresden grundverschieden: Als England seine Kathedrale wieder aufbaute, war man sich einig, daß sie, mahnend und versöhnend zugleich, in einer Doppelgestalt aus konservierter Ruine und zeitgenössischem Neubau wiedererstehen sollte. Als 1994 in Dresden der Wiederaufbau begann, war klar, daß eine detailgetreue Nachbildung entstehen würde. Nicht wenige sahen darin das symbolische Ungeschehenmachen der Zerstörung und damit einen fahrlässigen Akt der Verdrängung, wenn nicht unterbewußten Verleugnung.

          Die faszinierend grazile Monumentaliät aber, die sich nach und nach manifestierte, die Schönheit des Bauwerks, die Harmonie und Souveränität, mit der es die klaffende Bombenbrache in Dresdens Mitte füllte, vor allem aber der scharfe, doch nicht brutale Kontrast zwischen dem geschwärzten Mauerwerk des stehengebliebenen Chors und dem hell strahlenden Sandstein der neuen Trakte überzeugten auch Gegner und Skeptiker. Obwohl die Frauenkirche im Äußeren zu mehr als zwei Dritteln eine Kopie ist, hat sie die mahnende Ruine nicht zum Verschwinden gebracht.

          Gewandeltes Bewußtsein

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