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Hubert-Fichte-Kunstausstellung : Wie hält man die Kannibalance?

Alair Gomes, Fotos aus der Serie "The Course of the Sun", 1975–1980 Bild: Archives of the National Library Foundation, Brazil

Der Autor Hubert Fichte suchte überall auf der Welt das Weite. Die Schau „Liebe und Ethnologie“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt konfrontiert seine Sicht mit außereuropäischen Reaktionen.

          3 Min.

          Von der Decke hängt als Bild ein Mann, an dem nur das Gesicht keine Maske ist, dazu lässt sich ein Radiofeature über Mischreligionen hören, während zwei Ausstellungsbesucher ihr lautes Gespräch über zwei Bände auf einem nahen Büchertisch in die Radiotonspur mixen. Wenn man sich umdreht, sieht man Leute vor künstlichen Hinterteilen sitzen, in die sie hineinschauen, vor bunten Peniskostümen für Clowns, die in einem Video herumturnen. Eine Puppe sitzt beim Bildschirm, ein schöner Bärtiger. Dass dessen Hände so groß sein müssen, hat man beim Puppenmachen wohl an Texten eines Menschen abgelesen, der aussah wie diese Puppe (Stimmt das? Sah er so aus?), denn in diesen Texten wird viel angefasst, manchmal gestreichelt oder festgehalten, manchmal losgelassen.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Der Mensch, dem die Puppe ähnelt, heißt Hubert Fichte. Aus dem wacker progressiven Weltstadtbohème-Mief der Hamburger Fünfziger- und frühen Sechzigerjahre des letzten Jahrhunderts zog es diesen Schriftsteller ins Weite, geographisch wie werkstrategisch. Er bereiste Südamerika und Afrika; seine Lebens- und Kunstpartnerin, die Fotografin Leonore Mau, schuf dabei Bilder, die zu seinen Erlebnissen passten oder genau nicht. Fichte ging von dem aus, was ihm nah war: der eigenen Homosexualität, einem enormen Autorenehrgeiz und einem anregend dauerverfehlt politischen Ortsbestimmungsinteresse. Sein Hauptwerk sollte „Die Geschichte der Empfindlichkeit“ heißen und war auf zwanzig, fünfundzwanzig oder wer weiß wie viele Bände angelegt. 

          Dialog ist, wenn Puppen lernen müssen zuzuhören: Aus der Performance „Prata Jardim, Omindarewa“ des Coletivo Bonobando

          Die Kuratoren Anselm Franke und Diedrich Diederichsen haben diesen Großentwurf seit 2017 mit einer weltweiten Ausstellungsreihe supplementiert. Auf deren bisherige Stationen Lissabon, Salvador da Bahia, Rio de Janeiro, Dakar und New York ging es um Ergänzungen und Überschreibungen zu und wider Fichtes Textarbeit, entstanden in Lebens- und Kunstzusammenhängen von ihm besuchter Orte. Damit das möglich war, wurde Fichte in Sprachen übersetzt, in denen es ihn andernfalls wohl noch lange nicht gegeben hätte. Man kooptierte Künstlerinnen und Künstler, die sich sonst vielleicht nie mit Fichte befasst hätten. Die Schau „Liebe und Ethnologie.

          Die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit (nach Hubert Fichte)“ im Berliner Haus der Kulturen der Welt setzt nun samt Begleitveranstaltungen (einer Tagung etwa, oder einer Themaführung zur „Verschwulung der Welt“) den vorläufigen Schlussstein dieser erweiternden Werkspurbegehung. Die Ausstellung stellt Zeugnisse von Fichtes Weg neben Sachen und Sachverhalte, die bei ihm vorkommen und von denen andere, die sich hier dazu äußern, auf nicht immer ganz einfach darstellbare Art „mehr“ (oder: anderes) „verstehen“, als ihn interessieren konnte. Das reicht von den schon geschilderten Phallusverpuppungen des Coletivo Bonobando über ein Video von Claudia del Fierro, in dem ein menschengemachter Treppenaufgang räumlich breiter und weiter wirkt als der ganze Sternenhimmel, bis zu einer Installation von Renée Green, deren Ineinanderdenken von Begriff und Wahrnehmung schon während der kurzen Blüte eines politisch aufgeladenen Neokonzeptualismus in den Neunziger Jahren zahlreiche Verwandtschaften zu Fichtes Wollen und Wirken aufwies.

          Tiona Nekkia McClodden, Videostills aus The Labyrinth 1.0, 2017

          Direkt neben „Liebe und Ethnologie“, im selben Gebäude, inventarisiert gerade eine von Anna Brus in Zusammenarbeit mit abermals Anselm Franke erarbeitete Ausstellung namens „Spektral-Weiß“ die „Erscheinung kolonialzeitlicher Europäer*innen“, und nicht nur von daher liegt die Frage nahe, inwieweit die Fichteschau mit ihren auf kurzen, weißen Stelzen dargebotenen Büchertischen oder Bildtafeln und ihren weder eindeutig von vorn nach hinten noch von links nach rechts zu lesenden Arrangements einen Zugriff auf außereuropäisches Leben verewigt, der schon bei Fichte manchmal nach „Entdeckermann macht’s möglich“ schmeckt.

          Ein Schriftsteller eignet sich „das Andere“ teils an und will teils umgekehrt davon umschlungen und verwandelt werden, sucht also eine unmögliche Kannibalance zwischen Menschen und Erfahrungsformen. Der Ausstellung, die das zunächst mal ganz platt annehmen muss, um sich dem Problem, das man damit haben kann, überhaupt nähern zu können, hat man also vorgeworfen, die Leute, denen sich Fichte einerseits näherte und von denen er sich andererseits beim Schreiben wieder souveränitätsgestisch entfernen musste, kämen darin nicht wirklich zu Wort. Wenn Kunstschaffen, und sei es außereuropäisches oder anderweitig aus den weltüblichen Bildblickrichtungen Gerücktes, auf Kunstschaffen reagiert, ist das nicht von vornherein ein reines Elitengespräch? Muss man nicht andere als kuratorische Verfahren suchen, um vielfältig Privilegierten ihre nur scheinbar rein ästhetisch oder intellektuell, in Wahrheit aber über ökonomische und politische Macht vermittelte angebliche Übersicht und ihre angebliche Zuständigkeit für Unterschiede und Vergleiche zwischen Menschengruppen zu vermiesen?

          Papisto Boy, Ohne Titel (Baum mit Schlange)

          Klar muss man das, wenn man mit guten Gründen findet, die vorhandene Welt sei noch lange nicht die bestmögliche. Derzeit gelten ja Mobilitätsregeln wie: Wenn Personen aus der reichen Gegend in die ärmere Gegend kommen, heißt das Tourismus, wenn Leute aus der armen Gegend in die reiche gehen, heißt das Migration. Dabei spielt es nicht immer eine Rolle, ob die betreffenden Personen selbst absolut oder relativ arm oder reich sind. Die Aufmerksamkeit derer, die in der Berliner Ausstellung auf den Reisenden Hubert Fichte (direkt oder indirekt) antworten, besucht sein Werk an den interessantesten Stellen der Schau tatsächlich so, wie Tourismus sich für ein Selfie neben etwas Komisches stellt. Diese Richtungsdrehung gegenüber dem Gewohnten aber ist allemal ein Fortschrittchen – seitwärts, ins bislang global Unsichtbare. 

          Liebe und Ethnologie. Die koloniale Dialektik der Empfindlichkeit (nach Hubert Fichte). Haus der Kulturen der Welt, Berlin; bis zum 6. Januar 2020. Der Katalog kostet 28 Euro.

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