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„L’image volée“ in Mailand : Nehmt ihnen die Bilder wieder weg!

Von Adolph von Menzel bis zu Trevor Paglen: Die große Ausstellung „L’image volée“ in Mailand zeigt, warum die Kunst die besten Strategien gegen die Überwachungsgesellschaft kennt.

          5 Min.

          Man sieht fast nichts. Trotzdem gehören diese Bilder zum Spannendsten, was man in der aktuellen Kunst zu sehen bekommt. Warum? Was zeigen die neuen Bilder des Künstlers Trevor Paglen?

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Es sind sichtbar keine normalen Unterwasseraufnahmen, die entweder ein Riff mit bunten Fischen oder ein Wrack, einen dahinziehenden Hai oder einen anderen irgendwie mitteilungswürdigen Gegenstand zeigen, der den Fotografen bewegt hat, sich mit einer relativ umständlichen Ausrüstung unter die Wasseroberfläche zu begeben und dort Bilder anzufertigen. Hier dagegen sieht man, jedenfalls auf den ersten Blick, nur das milchige Licht küstennaher Gewässer, den leeren sandigen Grund - und erst wenn man genauer hinschaut, erkennt man das eigentliche, fast verschwindende Motiv dieser Aufnahmen, die dunklen Kabel, die auf dem Meeresboden verlaufen.

          Wie ein weltumspannendes Fischernetz

          Es sind Tiefseekabel, die durch den Atlantik laufen und hier in den amerikanischen Kontinent eindringen; es sind diese Kabel, durch die die Internetdaten um die Welt geschickt werden, durch die Telefonate und Bilder hindurchgehen. Das weltweite Kommunikationsnetz ist eben nicht, wie man es sich dank Begriffen wie „The Cloud“ vorstellt, immateriell und schwebend und wolkig; es wird durch physische Unterwasserkabel zusammengehalten. Und weil es physisch und lokalisierbar ist, kann es angezapft werden - was die National Security Administration (NSA) auch mit großer Hingabe tut. Edward Snowden hat aufgedeckt, wie die Geheimdienste über diese Kabel in Computer eindringen, Gespräche abhören und E-Mails abfangen. Das Internet hat eine physische Seite: Es liegt tief unten auf dem Meeresgrund wie ein weltumspannendes Fischernetz.

          Der in Deutschland lebende Amerikaner Trevor Paglen, geboren 1974 und vielfach für seine Bilder ausgezeichnet, ist ein neuer Typus des investigativ arbeitenden Künstlers, der sichtbar macht, was unsichtbar bleiben, und zeigt, wovon es kein Bild geben sollte: Bekannt wurde er mit seinen Aufnahmen von Orten, die es offiziell nicht gibt. Er näherte sich, soweit das möglich ist, den geheimen, nirgendwo verzeichneten Sperrgebieten und Gefängnissen der CIA, er berechnete Flugbahnen von Flugzeugen, die in keinem Flugplan zu finden sind, er benutzte eine von Informatikern und Astronomen entwickelte Software, die die orbitalen Bewegungen von Satelliten berechnen kann, und verwendete extreme Teleobjektive, wie sie für astronomische Beobachtungen entwickelt wurden, um Flugobjekte und Abhöranlagen aus bis zu vierzig, fünfzig Kilometern Entfernung zu fotografieren.

          Die unsichtbaren großen Krisenauslöser der Gegenwart

          Paglen studierte Geographie, und wie alle guten Kartographen interessieren ihn besonders die weißen Flecken, die eine Gesellschaft in ihren Darstellungssystemen produziert - und auch in Mailand zeigt er die unsichtbaren Punkte, an denen unsere Gespräche, Daten und Bilder abgesaugt werden. Das ist, einerseits, klassisch aufklärerische Kunst, die zeigt, dass es diese Orte und Praktiken gibt, sie schafft Bilder für etwas bisher gar nicht so einfach Darstellbares: Terrorismus, Finanzmarkt und der Panoptismus von Big Data, die großen Krisenauslöser der Gegenwart, sind allgegenwärtig und unsichtbar, sie haben keine identifizierbare Form.

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