https://www.faz.net/-gqz-8ece0

Cranach-Sammlung in Moskau : Erstmals vereint und ergänzt

  • -Aktualisiert am

Nur rund die Hälfte der Gothaer Cranach-Gemälde, die Endes des Zweiten Weltkriegs in die Sowjetunion verbracht worden waren, ist nach Thüringen zurückgekehrt. Jetzt ist wieder die gesamte Sammlung zu sehen – in Moskau.

          4 Min.

          Die erste große Cranach-Ausstellung in Russland, die im Moskauer Puschkin-Museum eröffnet wurde, verdankt sich der Arbeit an einem tiefen Trauma. Denn die mitteldeutsche Stadt Gotha, eine Wiege protestantischer Kultur, die als Hauptleihgeber dieser Retrospektive auftritt, unterhielt zwar schon zur Zeit des Zaren Alexej Michailowitsch, des Vaters von Peter dem Großen, diplomatische Beziehungen zu Moskau, doch Ende des Zweiten Weltkriegs konfiszierte die Rote Armee fast sämtliche Kunstschätze Gothas, darunter vierzig Cranach-Gemälde.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Ihm sei wohlbewusst, dass die deutsche Wehrmacht mit der Kulturzerstörung in Russland begonnen habe, erklärt der Direktor des Gothaer Museums Schloss Friedenstein, Martin Eberle, russischen Journalisten; auch hätten die Militärs die Kunstwerke vor Plünderung und Zerstörung gerettet. Doch als die Sowjetunion in den fünfziger Jahren anderthalb Millionen erbeutete Kunstobjekte der DDR zurückerstattete, habe Gotha nicht nur rund die Hälfte seiner Cranach-Bestände, sondern auch seine kulturelle Identität wiedererlangt. Im Moskauer Puschkin-Museum blieben von den Gothaer Trophäen siebzehn Gemälde von Cranach und seinem Kreis, rund ein Drittel davon gelangte in die ständige Ausstellung.

          Das Gothaer Museum unter „ferner liefen“

          Die Beutekunstverhandlungen sind eingefroren, da Russland sein Recht auf Selbstentschädigung für erlittene Verluste, Deutschland aber die Haager Konvention verteidigt, die Kunsttrophäen ächtet. Doch da die Zusammenarbeit mit dem Puschkin-Museum, trotz des schlechten politischen Klimas, immer freundschaftlicher geworden sei, erfülle sich jetzt sein Traum, sagt Eberle: Die einstige Gothaer Cranach-Sammlung wird in Moskau zusammengeführt und dem russischen Volk zu Füßen gelegt.

          Der russische Katalog der Schau spart diese Geschichte indes aus. Der Einführungstext erwähnt das Gothaer Museum, das die Hälfte der Werke beisteuert, unter „ferner liefen“, die Moskauer Zwischenstation der heutigen Gothaer Bestände wird verschwiegen. Die Schau ist hierarchisch konzipiert. Im weißen Saal prangt an zentraler Stelle die überlebensgroße Venus mit dem Cupido-Knaben aus der Petersburger Eremitage, die Lucas Cranach der Ältere 1509 schuf, fünf Jahre nachdem er Hofmaler des Kurfürsten Friedrich des Weisen geworden war. Er hat hier schon die kleinteilig-expressive Manier seiner Wiener Frühzeit mit der großflächigen, repräsentativen, leicht zu vervielfältigenden Malweise vertauscht, die sein Markenzeichen wurde. Cranachs Liebesgöttin ist allerdings noch vergleichsweise üppig, ihr Inkarnat wirkt rosig, die Augen rund, fast treuherzig. Doch belehrende Goldlettern warnen vor den Pfeilen des lockigen Sprösslings dieser Gottesmutter, weil sie einen der blinden Venus-Herrschaft unterwerfen können.

          Die einzige Bildneuerfindung des Protestantismus

          An der Seitenwand zur Rechten von Venus finden sich Cranachs Madonnen, deren Züge denen der Liebesgöttin oft verwirrend ähneln. Eine davon ist aus der Eremitage angereist, eine aus Madrid, zwei aus Budapest. Hier hängt auch die Anbetung der Heiligen Drei Könige aus jenem Teil der Gothaer Kunstbeute, der im Puschkin-Museum blieb. Wohl am eindringlichsten aber ist das rätselhafte Gothaer Doppelbildnis, das den ungefähr dreißig Jahre alten Christus zeigt, der den Blick seiner blauen Augen fest auf den Betrachter richtet, und neben ihm eine anmutige junge Frau, die den Kopf leicht in seine Richtung neigt. Die attributfreie Darstellung der Figuren beschwört wahrscheinlich Christus neben seiner alterslosen Mutter Maria, wird aber auch als Jesus mit Maria Magdalena gedeutet.

          Weitere Themen

          Was da schwant

          Sprachpreis abgelehnt : Was da schwant

          Kirsten Boie hat den Elbschwanenorden der Hamburger Sektion des Vereins Deutsche Sprache abgelehnt. Die renommierte Jugendbuchautorin stößt sich an Äußerungen des Vereinsvorsitzenden. Der schwadronierte unter anderem vom „aktuellen Meinungsterror“ der „linksgestrickten Lügenpresse“.

          Ein historisches Markenzeichen

          Hertie-Stiftung in der Kritik : Ein historisches Markenzeichen

          Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung fördert die Demokratie. Sie hat einen guten Ruf und trägt einen klingenden Namen. Aber woher kommt er eigentlich? Die Arisierung spielte dabei eine maßgebliche Rolle.

          Topmeldungen

          Zwischen Angst und Wut: Unter den Demonstranten in Thailand sind viele junge Frauen, die sich von den Traditionen ihrer Eltern abwenden.

          Proteste gegen Rama X. : Thailands König entzweit Familien

          Die junge Thailänderin Nan demonstriert in Bangkok für eine Einschränkung der königlichen Rechte. Sie will nicht vom reichsten Monarchen der Erde regiert werden. Ihre Eltern aber wollen nicht an den Traditionen rütteln.
          Lange Schlangen vor den Supermärkten sind auch vor Weihnachten wieder zu erwarten.

          So reagiert der Handel : Lange Schlangen und gähnende Leere befürchtet

          Wenige Wochen vor dem Weihnachtsfest hat die Bundesregierung die Corona-Maßnahmen noch einmal verschärft – sehr zum Ärger des hiesigen Handels. Gerade Supermärkte haben für die Regeln nur wenig Verständnis.
          Schwierige Partner: Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen

          Polens Außenminister : Die EU-Verträge sind heilig

          In Europa gilt das Einstimmigkeitsprinzip. In den Regelungen für die Corona-Hilfe soll das nun rechtswidrig umgangen werden. Polen muss mit einem Veto drohen, um einen drohenden Vertragsbruch abzuwenden. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.