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Die Goldene Madonna : Essen sein Schatz

Essens Goldene Madonna ist das älteste vollplastische Marienbild der Welt. Nach einer aufwendigen Restaurierung erstrahlt die Figur mit ihren blauleuchtenden Augen nun wieder in ihrem alten Glanz.

          Das schwarze Gold hat die Stadt groß gemacht, doch daß sie sehr viel älter ist, dafür steht eine Figur aus Edelmetall ein.

          Andreas Rossmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Denn tausend Jahre bevor Alfred Krupp (1812 bis 1887) das von seinem Vater geschaffene Unternehmen zur Kanonenschmiede und mächtigsten Gußstahlfabrik der Welt ausbaute, hat Bischof Altfrid von Hildesheim (800 bis 874) in Essen gewirkt und - jüngeren Forschungen zufolge war es Äbtissin Gerswid - 852 mit einem freiweltlichen Kanonissenstift für die Töchter des sächsischen Hochadels die Stadt gegründet.

          Äbtissin Mathilde (971 bis 1011) hat hier ein Werk in Auftrag gegeben, das den bedeutenden und noch immer zu wenig bekannten Essener Domschatz überstrahlt und nun, nach zehnmonatiger Konservierung, seinen ganzen Glanz zurückgewonnen hat: die Goldene Madonna.

          Kunsthistorisch wenig erforscht

          Die Figur, 74 Zentimeter hoch und 18,5 Kilogramm schwer, zeigt die Mutter Gottes, wie sie sonst nicht zu sehen ist: eine Maria mit blauleuchtenden Augen, die - den Oberkörper leicht nach hinten, den Kopf etwas nach vorne geneigt - auf einem hohen Schemel thront und das halb sitzende, halb stehende Kind fast rechtwinklig auf ihrem Schoß hält. Ein unbekannter Meister aus dem Kölner Raum hat sie geschaffen, doch obwohl sie als das älteste vollplastische Marienbild gilt, ist sie kunsthistorisch wenig erforscht.

          Nach Gründung des Ruhrbistums 1958 ernannte Papst Johannes XXIII. - in einem Breve vom 8. Juli 1959 - „für alle Zeiten“ die selige Jungfrau Maria unter dem Titel ,Mutter vom guten Rat'“ zu dessen erster und besonderer Patronin. Nicht die Gottesmutter unmittelbar, sondern Maria in dieser Gestalt: Sie ist die weltweit einzige Skulptur, der dieser Status zuteil wurde. „Essen sein Schatz“, wie der Volksmund die Madonna nennt, war seitdem auch Kultbild: In Prozessionen wurde sie durch die Stadt getragen, zu Mariä Lichtmeß gekrönt und mit Kerzenopfern verehrt.

          Überfällige Konservierung

          Das ist nicht spurlos an ihr vorübergegangen, Staub, Kalkablagerungen und Ruß hatten sich auf ihr aus 116 Goldblechen gefügtes Kleid gelegt, und auch ihr Holzkern zeigte, nach zwei Restaurierungen 1905 und 1950, Schadstellen. Ganz so schlimm wie befürchtet, stand es zwar nicht um ihn, doch die Konservierung erwies sich als überfällig. Aus Köln kam der pensionierte Domgoldschmied Peter Bolg, der schon bei der Restaurierung des Dreikönigenschreins mitgewirkt hat, fast täglich nach Essen und nahm die Madonna in Pflege: Mit selbstgewickelten Wattestäbchen und vergälltem Alkohol hat er jedes Teil und „Tausende von Mulden im Blech“ gereinigt und Oxydationsverfärbungen mit einem eigenen Lösungsmittel behandelt.

          Schmutzschicht um Schmutzschicht wurde so abgenommen und der alte Glanz wiederhergestellt: „So hat sie“, staunt Birgitta Falk, die Leiterin der Domschatzkammer, „noch kein lebender Mensch gesehen.“ Bis zum 2. April kann die Goldene Madonna in der Essener Domschatzkammer besichtigt werden. Am Sonntag nach Ostern wird sie an ihren angestammten Ort in der nördlichen Seitenkapelle des Münsters zurückkehren, wo sie in einer neuen Vitrine stehen und nicht mehr bewegt werden soll. „Wird sie gut gewartet“, so Peter Bolg, „hält sie mindestens noch einmal tausend Jahre.“

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