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Chuck Close zum Achtzigsten : Die Gegenseite der Glitzerwelt

Spezialisiert auf Gesichtsbildwanderungen: Chuck Close Bild: AP

Chuck Close inszeniert in seinen Porträts fragende und zagende Blicke. Er wird als bedeutender Künstler verehrt und wegen des Vorwurfs der sexuellen Belästigung verachtet. Heute feiert er seinen achtzigsten Geburtstag.

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          In seine Gesichter kann man hineinlaufen: Weit überlebensgroß, bis zu drei mal zwei Meter messend, stehen die Porträts des Künstlers Chuck Close. Auf „Leslie“ von 1985 meint man den Lidschatten ebenso wie den Lipgloss materiell mit Händen greifen zu können. Bei „Fanny“, der Großmutter seiner Frau aus demselben Jahr, wie Leonardo mit den Fingern in zahlreichen Grauabstufungen in die Leinwand eingerieben, wird der Blick unweigerlich in ein Schwarzes Loch unterhalb ihrer Kehle gesogen. Der Zeit der Siebziger und Achtziger geschuldet, waren diese plakatgroßen Gesichtslandschaften zum Augen-Bewandern in fotorealistischem Stil gehalten.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Noch fesselnder wurde es, als Close begann, seine „Faces“ in Hunderte kleiner Rauten wie Insektenaugen zu facettieren. Jede dieser kristallinen Aufsplitterungen besaß ihrerseits wieder ein marmorierendes Farbspiel, das an die geschliffenen Achatscheiben der Glasfenster Sigmar Polkes für das Züricher Großmünster erinnert – schillernd, permanent in flirrender Bewegung und somit unbestimmbar. Man wird das Gefühl nicht los, durch diese über die Gesichter gespannten löchrigen Netze aus Transparentfarben in ständig neue Dimensionen zu fallen. Wenig verwunderlich daher, dass Close diese neue Technik bei einem Selbstbildnis inaugurierte.

          In der Kritik

          Wie stark diese Monumentalporträts von den verwendeten fotografischen Vorlagen bestimmt sind, zeigt das Konterfei des jüngst verstorbenen deutsch-amerikanischen Tigermagiers „Roy II“ in Schwarzweiß: Heute im Besitz des Frankfurter Städel Museums zeigt sich auf dem hartkontrastigen Foto großporige, ledrige Haut und ein sehr unsicherer Augen-Blick. Kein noch so selbstbewusster Impresario aus Hollywood behält bei Close die Maske auf, vielmehr gelingt es dem Maler, einen Mikromoment einzufangen, der die Gegenseite der Glitzerwelt einfängt. Und erst recht sind es Einblicke in eine Gegenwelt, die sich in Closes ebenfalls immer großformatigen Selbstbildnissen offenbaren, die fragende und zagende Blicke zum eigentlichen Thema dieser Gesichtsbildwanderungen werden lassen.

          Chuck Close: „Großes Selbstporträt“, 1968 Bilderstrecke

          Seit fünf Jahren steht der Künstler nun in der Kritik, und dieser Zwiespalt zwischen Verehrung und Verachtung für Close zeigte sich im Jahr 2016 an zwei Pressebildern, die um die Welt gingen: Während zwei Frauen dem seit 1988 im Rollstuhl sitzenden Maler vorwarfen, sie bei einer Fotositzung „sprachlich sexuell belästigt“ zu haben, liefen zur selben Zeit andere Frauen in Philadelphia mit einem großen Plakatporträt Hillary Clintons von Close zur National Convention der Demokraten, um für mehr Solidarität und Humanität zu plädieren.

          Als Zeitgenossen stehen wir momentan noch zu nah vor seinem überlebensgroßen Selbstporträt – der Prozess gegen Close dauert an. Die Nachwelt wird entscheiden müssen, ob es in dieser Größe bleiben kann, schrumpfen muss oder ganz aus den Museen verbannt werden wird. Es steht zu hoffen, dass Chuck Close heute seinen achtzigsten Geburtstag mit einem intakten Selbstbild feiern kann.

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