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Künstlerin Marion Eichmann : Im Spielzeugland

Marion Eichmann: Tokyo mono (Detail), 2004 Bild: Marion Eichmann/VG Bild-Kunst/PeterOppenländer

Alles aus Papier: Die Collagen und Installationen von Marion Eichmann haben mit Zynismus oder Konsumkritik nichts zu tun. Ihr Reiz ist spielerisch.

          2 Min.

          Als Marion Eichmann die Idee zu ihrer Ausstellung „Follow M.E.“ entwickelte, einer Reise um die Welt, war die Vokabel Corona bestenfalls einer Handvoll Wissenschaftlern geläufig, und an den Flughäfen ratterten die Anzeigetafeln der Verbindungen kreuz und quer über den Globus fröhlich vor sich hin. Dass eine solche Anzeigetafel nun im Eingang der Kunsthalle Galerie Stihl in Waiblingen hängt, hat etwas geradezu Visionäres. Denn von Paris über Athen bis Moskau sind darauf die Abflüge als verspätet oder gestrichen vermerkt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Nur für vier Ziele werden die Passagiere zum Gate gerufen: Tokio und New York, Istanbul und Berlin – es sind die Orte, denen die Schau wandfüllende Bilder und raumgreifende Installationen widmet. Allesamt Papierarbeiten. Manches nur gezeichnet, das meiste geschnitten, gerissen und geklebt, zu gewaltigen Collagen und Assemblagen zusammengesetzt oder als mächtige Skulpturen gebaut, die sich in ihrer überbordenden Detailfreude und einer Größe wie im Original erst auf den zweiten Blick als Kunstwerke erweisen.

          Marion Eichmann: Briefkasten, 2019
          Marion Eichmann: Briefkasten, 2019 : Bild: Marion Eichmann/VG Bild-Kunst/Roman März

          Als sie einst in Berlin hinter einem großen Fenster ihren Waschsalon ausgestellt hatte, mit Waschmaschinen in Reihe, Automaten an der Wand und Waschpulverpackungen im Raum, erzählt Marion Eichmann, seien etliche Menschen mit Säcken voller Schmutzwäsche in die Galerie gekommen.

          Begonnen hat ihre Kunst mit einem Faden. An der Kunstakademie Berlin Weißensee hatte sie für ihre Abschlussarbeit eine alte Strickmaschine zum Laufen gebracht und mit 362 Kilometern Garn und 16324800 Maschen einen Raum samt Möbeln und sich selbst in ein schwarz-weißes Wellenmuster eingestrickt, bis die Dinge mit dem Flirren der Op-Art kaum noch auseinanderzuhalten waren.

          Der japanische Modemacher Issey Miyake war so begeistert von der Arbeit, dass er die Künstlerin nach Tokio einlud. Dort aber verabschiedete sie sich von jedem Gedanken an Mode und Design, setzte sich stattdessen in Cafés und fabrizierte farbenfrohe Scherenschnitte der Gäste, die sie an Ort und Stelle in Schichten übereinanderklebte und mit Linien umrahmte, bis den Gesichtern eine Haptik und Tiefe eignete.

          Marion Eichmann Laundromat, 2016/2017
          Marion Eichmann Laundromat, 2016/2017 : Bild: Marion Eichmann/VG Bild-Kunst/Peter Oppenländer

          Was folgte waren zunächst kleinere Gegenstände, die ihr ins Auge fielen, etwa Postkästen und Zigarettenautomaten, später ganze Hausfassaden eines Ladens, einer Tankstelle oder eines Berliner Plattenbaus – vieles ergänzt um Fundstücke aus dem Alltag, die in den Assemblagen neue Bedeutung erhalten.

          Was ihre minutiös an Ort und Stelle über Tage hinweg gezeichneten Straßenecken auszeichnet, auf denen keine Winzigkeit fehlt und die sich doch an manchen Stellen in großzügiger Flächigkeit verlieren, trifft noch mehr auf die Objekte zu. Stück für Stück, Schicht für Schicht addiert Marion Eichmann aus farbigem Malkarton geschnittene Details und fügt sich damit ihre eigene Welt zusammen. Die reinen Formen erinnern an die Scherenschnitte von Matisse, manch Gebautes an die ironischen Plastiken der Pop-Art. Aber bei Eichmann ist von Zynismus oder Konsumkritik nichts zu spüren. Vielmehr scheint sie dem Wesen der Dinge in ihrem kunterbunten Spielzeugland auf die Spur kommen zu wollen, indem sie sich auf all deren Bestandteile konzentriert, dabei jedes einzelne wie ein Rätsel behandelt.

          Für den Betrachter aber kehrt sich der Prozess um, wenn angeklebte Streifen und Gegenstände sich lösen und man Einblicke hinter die Schichten erhält. Dann mag man an Unachtsamkeit bei der Arbeit nicht glauben, sondern begreift dies als ein Spiel mit dem Reiz der Bewegung, sogar des Entkleidens, geradeso, als erhasche man einen Blick in die Tiefe der Objekte, besser noch: in deren Seele.

          Marion Eichmann: Follow M.E. Galerie Stihl, Waiblingen; bis zum 18. Oktober. Der Katalog kostet 24 Euro.

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