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Schirn-Ausstellung „Unendlicher Spaß“ : Wie man mit dem nackten Finger auf sich selbst zeigt

  • -Aktualisiert am

„Unendlicher Spaß“ in der Frankfurter Schirn: Hier fügen sich die Kunstwerke zusammen, nicht zu einem Roman, sondern zu einer Anthologie von Gewinnern und Verlierern.

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          Zwei Hände aus Glas in lilafarbenen Plastikhandschuhen zeigen in Michelangelo-Geste aufeinander und drehen sich dabei ganz langsam. Werden sie sich berühren? Der Augenblick der Erschaffung Adams aber bleibt aus. Die Fingerspitzen verpassen sich - der Anblick kann melancholisch stimmen, das Leben mag, wie in Hamlets berühmter Totenklage auf den armen Yorick, ein „unendlicher Spaß“ (oder, wie in der deutschen Übersetzung, „von unendlichem Humor“) sein, aber vieles an diesem Spaß ist eben auch ein Sichverpassen, eine nie abgegoltene Möglichkeit.

          David Foster Wallace hat die Hamlet-Stelle 1996 zum Titel eines Romans gemacht, der so turbulent wie traurig ist. In der Frankfurter Schirn kann man jetzt eine Ausstellung sehen, die den Buchtitel von Wallace zitiert, wie der Shakespeare zitiert hat. Zitat ja, Illustration nein: Schon Anri Salas Skulptur „Title Suspended“ bricht mit dem Versprechen, etwas mit dem tausend Seiten starken und mit Hunderten von Fußnoten bestückten Roman zu tun zu haben, der von einem Film handelt, den das Publikum nicht aushält - auch der Film trägt den Titel des Buches: noch mehr Zitat, noch mehr Verweis. Bei Wallace schießt das Geflecht der Zitate zu etwas Monumentalem zusammen.

          Die Schau in der Schirn erhebt sich dagegen nicht über ihre eigene Vielseitigkeit; das Beste an ihr ist etwas, das man auch am Roman gelobt hat: Die Nähe zur Gegenwart mitten in der Entrückung aus ihr: Auf dem Weg in die Ausstellungsräume durchquert man ein Treppenhaus, das von oben bis unten mit Museumsselfies beklebt ist. Kein Kunstwerk, sondern ein Kuratorenbeitrag. Es sind Fotos aus dem Internet, die Menschen zeigen, die Posen auf Gemälden und Skulpturen nachahmen und sich vor den Werken fotografieren und sie auf Twitter posten. Mittlerweile gibt es einen Tag des Museumsselfies, an dem die Leute mit ihren Smartphones losziehen und die Kunstwerke - und sich selbst publizieren. Das ist gleichzeitig dokumentarisch wie visionär: So sind die Leute, aber nur, weil sie sich zeigen wollen. Bei Wallace ist die Verschränkung von Vision und Realismus schmerzhaft: Die nahe Zukunft, die er schilderte und in der wir inzwischen leben, war eine Warnung. Hier, in der Schirn, stehen die Vision und das Dokument dagegen einfach nebeneinander, es tut nicht weh. Die Schau wirft mit Stichworten (und zum Großteil wirklich guten Arbeiten) um sich. Aber sie verfolgt einen nicht in den Schlaf, nicht einmal ins Restaurant im Anschluss.

          Und so folgt die Ausstellung einer inzwischen vertrauten Arbeitsweise: Brennende (Mainstream-)Themen, die noch wie freie Partikel in der Kunstwelt zirkulieren, werden von den Kuratoren, in diesem Fall Matthias Ulrich, eingefangen und flugs zusammengeführt. Was herauskommt, ist eine Anthologie, also eben kein Roman, keine Totalität des Zerbrochenen. Diese Anthologie handelt von Gewinnern und Verlierern, die sich abmühen in einer Flut von Ich-Menschen. Andrea Fraser in ihrer Performance „Projection“ zum Beispiel - sie spielt sich und ihre eigene Therapeutin. In einem Zwei-Kanal-Video erzählt sie uns aus ihrer Therapiesitzung. Francis Alys schickt in seinem bekannten Zeichentrickfilm „Time is a Trick of the Mind“ einen Suchenden auf die Straße - auch ein Selbstporträt: Ein Mann rattert auf zwei Leinwänden mit einem Stock an den Zäunen entlang. Die Synchronizität geht nach und nach verloren: tok, tok, tok - immer fort. Klack, klack macht auch ein zur Beruhigung gedachtes Kugelspiel, das das Künstlerduo Claire Fontaine aus einem Büro von Lehman Brothers ersteigert hat und zum Kunstwerk erklärt. Es steht für die gesamte Schau: Eine Einzeltatsache kann etwas sein, worauf ein Finger zeigt, um einen Gesamtzusammenhang anzudeuten. Hier aber zeigen die Einzelheiten als blanke Finger aufeinander.

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