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Zum Tod des Architekten Hollein : Die Eroberung der Fassade

Hans Hollein nahm mit seinen Ideen und Entwürfen einen kaum zu überschätzenden Einfluss auf die heutige Architektur. Jetzt ist der avantgardistische Visionär im Alter von achtzig Jahren gestorben.

          Im Jahr 1963 erstaunte der damals neunundzwanzigjährige Wiener Architekt Hans Hollein die architektonischen Avantgarden seiner Zeit mit einem Entwurf, den er das „begehbare Kaufhaus“ nannte. Nun ist bekanntlich jedes Kaufhaus begehbar – in diesem Entwurf ging es aber nicht darum, dass man in das Kaufhaus hineingehe, sondern dass man auf seiner zurückspringenden Fassade herumwandern und -klettern konnte: Das Einkaufszentrum sollte nicht wie ein betonierter Einkaufswagen in der Stadt stehen, sondern unter einem für alle zugänglichen Felsen mit Grünanlagen und Plateaus verschwinden. Die Fassade war kein Schnitt mehr zwischen innen und außen, privat und öffentlich: Das Volk konnte Besitz ergreifen, die Architektur besetzen, benutzen, den Bau erstürmen, das private Haus wurde zur Landschaft für alle.

          Niklas Maak

          Redakteur im Feuilleton.

          Man kann nicht oft genug betonen, wie wichtig Holleins frühe Entwürfe für die heutige Architektur sind: Wenn, wie in Sanaas Hochschulbau in Lausanne, das Haus zur offenen Landschaft wird, dann geht das auch auf jene utopischen Entwürfe zurück, mit denen Hans Hollein bekannt wurde. Beim Studium in Chicago und Berkeley hatte der 1934 geborene Wiener die großen Utopiker seiner Zeit, Friedrich Kiesler und die Metabolisten, kennengelernt, die Städte wie Flugzeugträger und imaginierte Hochhäuser von der Eleganz eines gigantischen Kühlergrills entwarfen. In Wien war er eine der zentralen Figuren einer Avantgarde-Bewegung, die sich gegen die „Alleinherrschaft des trivialen Funktionalismus“ wandte.

          Der Supermarkt-Felsen für St.Louis, Missouri, wurde ebenso wenig gebaut wie sein Entwurf für die Zentralsparkasse von Floridsdorf, die Hollein ebenfalls als einen in die Höhe gefalteten öffentlichen Park aus Terrassen und hängenden Gärten entwarf und die ihn rückblickend als einen der wichtigsten europäischen Architekten des zwanzigsten Jahrhunderts erscheinen lässt: weil er Architektur nicht bloß als Produktion von bewohnbaren Skulpturen, sondern als Rahmen, Bühne und Ermutigung für ein anderes soziales Miteinander verstand.

          Die von Hollein entworfene Centrum Bank im Liechtensteinischen Vaduz. Bilderstrecke

          Erst 1982, mit dem Entwurf für das Museum Abteiberg in Mönchengladbach, das ihm zurzeit eine Ausstellung widmet, konnte Hollein die Verwandlung eines Großbaus in eine Stadt-Landschaft umsetzen. Der Museumskomplex wurde stilbildend für eine neue Form von Museumsarchitektur; auch Richard Meiers Getty-Center in Los Angeles greift seine Idee des Museums als einer kleinen Stadt auf.

          Wie man die Postmoderne überrascht

          In Deutschland ist Hans Hollein, der 1985 mit dem Pritzker-Preis, der als „Nobelpreis für Architekten“ gilt, ausgezeichnet wurde, vor allem als Vordenker und Protagonist der Postmoderne bekannt; seine Wohnbauten für die Internationale Bauausstellung Berlin und sein Museum für Moderne Kunst in Frankfurt zeigten, wie auch sein umstrittenes Haas-Haus in Wien, dass für Hollein in einer Fassade gar nicht genug Erker, Vorsprünge, Kurven, Schnitte, Brüche, bläuliche Spiegelungen, Farben und Details, Zitate und Verweise untergebracht werden können. Was damals als Befreiung von der repetitiven Ödnis einer kargen Nachkriegsmoderne gefeiert wurde, lag späteren Generationen, deren Stilempfinden vom Ideal des Minimalismus geprägt war, so schwer wie eine metallene Sachertorte im Magen.

          Aber selbst diese Skeptiker mussten anerkennen, dass Holleins Werk sich nicht auf die formalen Dekorationsexzesse der späten Postmoderne reduzieren lässt. Schon auf dem Höhepunkt der Postmoderne sorgte er für Überraschungen – wie etwa mit dem strengen, klaren Entwurf für den Golfclub von Ebreichsdorf, dessen Hauptbau wie eine Mischung aus einem Dampfschiff und einer amerikanischen Scheune in der Landschaft liegt und zu den elegantesten neuen Clubbauten gehört.

          Doch Hollein, dem Architekten der überbordenden Komplexität, war auch das Reine, Einfache, Leichte und Ephemere, die Reduktion aufs notwendige Minimum, die die Architektur heutiger jüngerer Architekten prägt, nicht fremd; auch auf diesem Gebiet gehört er zur Avantgarde: 1969 erfand er, lange vor dem Zeitalter der mobilen Arbeitsstätten, ein aufblasbares Büro, das temporäres Arbeiten an den verschiedensten Plätzen ermöglichen sollte. Jetzt ist der Visionär einer anderen Architektur im Alter von achtzig Jahren in Wien gestorben. Der Schwung, die Warmherzigkeit und der entschlossene Weltneuerfindungsdrang seiner frühen Entwürfe sollte einer neuen Generation von Architekten ein Vorbild sein.

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