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Die Entwerferinnen der DDR : Mode macht stark

Modegrafik von Sabine Zache aus dem Buch: “ Zwischen Schein und Sein. Ostdeutsche Modegrafik 1960-1990“. Bild: Sabine Zache (1972)

Ein neuer Band zeigt die lebendige Szene der Modegrafik in Ostdeutschland. Hier werden sie endlich erkannt und gewürdigt: Die Entwerferinnen der DDR.

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          Dass es auch in der DDR eine lebendige Szene der Modegrafik gab, war lange Zeit ganz aus dem Blick geraten. Das liegt maßgeblich daran, dass die begabten Zeichnungen der vorwiegend weiblichen Entwerfer einer Öffentlichkeit dort nicht bekannt wurden. Vor allem aber konnten – und durften – ihre Ideen unter den Produktionsbedingungen der sozialistischen Wirtschaft nicht realisiert werden, wie das in den westlichen Industriestaaten für Designer ohne Einschränkungen möglich war: „Wie schwer muss sich das damals noch junge politische System der Deutschen Demokratischen Republik getan haben, sich diesem eigenwilligen Charakter der Mode-Bewegungen anzupassen. Denn die Mode lässt sich eben nicht diktieren – im Gegensatz zum allgemeinen Glauben. Ist aber auch wenig demokratisch und – schon gar nicht – deutsch! Es gibt nationale Folklore, aber keine Mode für eine Nation.“

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Das schreibt Wolfgang Joop in seinem Vorwort zu dem prachtvollen Band „Zwischen Schein und Sein. Ostdeutsche Modegrafik 1960–1990“, das er „Über die kleine Schwester der Kunst“ genannt hat. Und Joop stellt dort zugleich klar, dass Mode zwar menschgemacht für Menschen, aber „im Wesen zutiefst inhuman“ sei; denn sie verlange ihrerseits Anpassung, nicht zuletzt der ständig mit ihr wechselnden körperlichen Voraussetzungen. Darin aber ist tatsächlich die Modegrafik überall auf der Welt der Modefotografie überlegen, die sie inzwischen weitgehend verdrängt hat; denn sie kann den menschlichen Leib viel stärker manipulieren in ihren Phantasien. Und das galt im Osten genauso wie im Westen.

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          Die Entwerferinnen der DDR : Mode macht stark

          Noch sehr französisch angehaucht

          Der Blick auf die Vielfalt einer verschütteten Tradition der Modeillustration in der DDR ist so erhellend wie unterhaltsam. Es beginnt in den sechziger Jahren, und gar nichts ist da fremd, ja eher so vertraut, wie es der weiland Wunsch nach einem Kleid von Dior war: Noch sehr französisch angehaucht ist dieser Chic, elegante Köstümchen, Ensembles, spitze Pumps, Topfhüte, Kurzmäntel und Trenchcoats. Die Siebziger sind purer Pop, im sehr grafischen Umriss-Stil der Entwürfe wie entsprechend in den Modellen von Schlaghosen, darüber ärmellosen langen Westen, vielleicht etwas weniger Hot Pants und Miniröcke, dafür sind die Swinging Sixties nun in der DDR angekommen, ein Hauch von Hippie Fashion.

          Die achtziger Jahre dominieren dann die Auswahl der Illustrationen: Es wird obenrum kastenförmig, ganz eng in der Taille, und die Modezeichnungen, oft bunt oder aquarelliert, scheinen zu vibrieren, ihre Grenzen sprengen zu wollen. Es gibt Anklänge, wie weltweit im Kosmos der Mode jener Jahre, an den Konstruktivismus und den Suprematismus, vielleicht bereitgestellt von den Kunstwerken eines Kasimir Malewitsch oder einer Ljubow Popowa. Kein Tribut also an die Volkswirtschaft – vielleicht sogar eher, als liege ein Aufbruch in der Luft.

          Die Entwürfe von Mode sind immer und überall, das lässt sich so feststellen, auf der Überholspur ihrer Gegenwart. Auch oder gerade wo die Mode nicht mit der gesellschaftlichen Wirklichkeit vereinbar ist, trägt sie die Spur einer Utopie in sich. Das zeigt eben auch dieses großartige Mode-Bilderbuch, das Ute Lindner, die in der DDR an der Kunsthochschule Weißensee in Berlin Modedesign studierte und bis heute als Entwerferin tätig ist, im Leipziger Lehmstedt Verlag herausgegeben hat. Dabei ist die wirklich gute Nachricht, dass die meisten dieser inspirierten Schöpferinnen (Männer sind die absolute Ausnahme) nach dem Epochenjahr 1989 einen gelungenen Anschluss an die gesamtdeutsche Modeszene gefunden haben; sie waren dafür gerüstet und bereit. So lässt sich Wolfgang Joop nur zustimmen, wenn er am Schluss seines Essays über seine Kolleginnen in der DDR sagt: „Es fühlt sich an, als wären wir verabredet gewesen, uns auf diesem Weg zu begegnen.“ 

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