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Kippenbergers Werke in Bonn : Diese heftige Dabeiseinsgier

  • -Aktualisiert am

„Paris Bar“, 1991 Bild: Pinault Collection

Er war der größte Ironiker der deutschen Malerei und Vorreiter für vieles: Die Bundeskunsthalle in Bonn zeigt Martin Kippenbergers Frühwerke und damit den Künstler so draufgängerisch wie selten.

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          In Florenz hatte Martin Kippenberger 1976 sein Glück versucht, er wollte sich dort als Schauspieler selbst erfinden. Schauspieler werden in Florenz? Seltsam. Italien musste es jedenfalls sein, weil sein damaliges Idol Helmut Berger jenseits der Alpen lebte, die Kultfigur des Cinema aus Österreich, der Kippenberger nacheifern wollte – bevor er dann doch seinen ersten echten Treffer als Maler landete.

          In dem 56-teiligen Bildcluster „Uno di voi, un Tedesco in Firenze“ sammelte der junge Künstler Allerweltseindrücke nach eigenen Fotos aus der Toskana, malte sie ab und ordnete sie wie lose Fundstücke im Raster: den Kellner und die Trattoria, Kirchen, Plakate und Fassaden, eine Spraydose im Einsatz gegen Mücken oder einen Mann mit Vespa – Ephemeres aller Art, so auch Privates wie der Stuhlgang auf dem Stehklo.

          Diskret versetzte Kippenberger solche Impressionen mit kunsthistorischen Zitaten wie einem Botticelli-Porträt aus den Uffizien oder Neuralgischem wie einem Soldaten mit Stahlhelm unter der Aufschrift „Sturmtruppen“.

          Volle Dröhnung Malerei und Sinnlichkeit

          Die Serie schlägt einen provokanten Ton an, dummdreist und künstlich doof mischt sie High und Low und kommentiert mit klobigem Schwarzweiß Gerhard Richters schon damals gefeiertes Prinzip „Grisaille“, also Graumalerei. Kippenberger musste die Malerei erst einmal auf das Klischee ihrer selbst herunterfahren, um von da aus zu sehen, was sich mit der Gattung noch würde anstellen lassen. So einiges – dies zeigt die Retrospektive in der Bundeskunsthalle in Bonn, die eine volle Dröhnung an Malerei und Sinnlichkeit verabreicht, ohne darüber die konzeptuellen Ideen des Egomanen aus dem Blick zu verlieren.

          Gut vierzig Jahre nach ihrer Entstehung fällt es vor der Bilderwand mit ihren Dutzenden gemalten Schnappschüssen schwer, nicht an die Gegenwart von Facebook und Instagram zu denken, und allzu leicht verführen diese Frühwerke dazu, in Martin Kippenberger (1953 bis 1997) den Vorläufer einer heutigen Generation zu erkennen, die alles fotografiert und postet und damit vor allem sich selbst in einem endlosen Stream „performt“.

          Gefangen im schwarzen Quadrat: „Bitte nicht nach Hause schicken“, 1983. Bilderstrecke

          Tatsächlich war der gnadenlose Polemiker und Selbstironiker Kippenberger von Anfang an süchtig nicht nur nach der Droge Alkohol, wie er 1982 mit einem Selbstporträt kundtat – mit entgeistertem Konterfei ist er an eine Dose „Schlösser Alt“ gekettet: „Alkoholfolter“. Die Diagnose des Kollegen Werner Büttner für Kippenbergers Sturm und Drang lautet auf „Dabeiseinsgier“.

          Er wolle „jung sein, dabei sein. Überall dabei sein“, gab Kippenberger damals, um 1980, selbst zu Protokoll. „Bitte nicht nach Hause schicken“, lautet eines seiner bekanntesten Bilder: Der jugendlich-traurige, etwas treudoofe Martin trägt 1983 ein Schild mit nämlichem Appell um den Hals, die Komposition zitiert in sehr schwarzem Humor das „Schwarze Quadrat“ von Malewitsch und zugleich den Wirtschaftsfunktionär Hanns Martin Schleyer als Gefangenen der RAF.

          Aber auch sich selbst nahm Kippenberger von seinem Sarkasmus nie aus. Nachdem ihm als Betreiber des legendären Punkclubs SO36 vom Berliner Original „Ratten-Jenny“ die Nase blutig geschlagen wurde, lässt er sich am selben Abend im Krankenhaus mit all dem Mull um den Kopf ablichten und malt danach seinen denkwürdigen „Dialog mit der Jugend“. Eine Serie tauft der Maler kurz darauf „I.N.P.-Bilder“, die Abkürzung steht für „ist nicht peinlich“. „Kippi“ parodiert die Friedensbewegung, die zeitgenössischen Debatten um einen möglicherweise gangbaren Sozialismus, den Schrebergarten an und für sich.

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