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Schau „Wolfsburg Unlimited“ : Vom Auerochsen zum organisierten Verbrechen

Was bedeutet es, wenn eine Stadt, die kein Vorbild hat, gleichzeitig exemplarisch ist? Die Ausstellung „Wolfsburg Unlimited“ versucht, Perspektiven aufzuzeigen.

          Kaum ein Gegenstand erzählt mehr über die Art, wie wir leben und wirtschaften, als der Container. Er kommt überallhin. Überallher. Er ist genormt. Alles passt in ihn rein, aber er gibt nicht preis, was gerade drin ist – Dosenfutter, Schnellfeuergewehre, Turnschuhe, Autos oder Menschen. Millionen dieser Metallkisten sind im Umlauf, auf Schienen, auf den Meeren, sichtbare Wahrzeichen der Globalisierung, aber ebenso undurchschaubar wie die Geld- und Datenströme.

          Verena Lueken

          Redakteurin im Feuilleton.

          Julian Rosefeldt hat im Wolfsburger Kunstmuseum in der zentralen Ausstellungshalle eine verwinkelte Landschaft aus gestapelten Containern aus dem Braunschweiger Hafen aufgebaut. Der Boden, auf dem sie stehen, ist unplaniert, das Licht düster bis auf eine schummrig ausgeleuchtete Ecke, in der ein Autoreifen liegt, aus dem ein paar Grashalme sprießen. Gegenüber erzählen eine alte Matratze und ein paar aufgerissene Kisten davon, dass hier offenbar gewohnt wird oder wurde.

          Am anderen Ende dieser ContainerLandschaft öffnet sich die Halle in ein Autokino. „Midwest“ steht in roter Leuchtschrift über der Baracke mit den Kassenhäuschen, davor ein paar Stehtische und vor der Leinwand, die in unendliche Breite sich auszudehnen scheint, mehrere Reihen von Autos, einige mit geöffneten Türen, neben jedem ein Pfeiler mit dem Gerät, das Ton und Wärme ins Wageninnere bringt, wenn man es an die Tür hängt.

          Urbanistische Gruselkammern der Stadt im Zentrum

          Und auf der Leinwand davor ein Film, in dem die Autos und die Container in einer böse lächerlichen Choreographie zueinanderfinden. „Swap“ heißt der Film, eine Geschichte, ein Ballett (die Darsteller sind zum Teil Tänzer) von harten Jungs, die in einem Berliner Containerhafen erst in ihren Autos umeinander herumschleichen wie Tiere, schließlich aussteigen, ihre Waffen zeigen und endlich zwei Koffer und eine Menge Machoposen austauschen, manchmal in slapstickhaftem Wiederholungszwang von Gesten gefangen, was sehr komisch ist.

          Es ist eine riesige Installation, die Rosefeldt hier gebaut hat, aber so riesig, wie sie wirkt, ist sie dann doch nicht. Die Seiten des Autokinos sind verspiegelt, so wird aus nur sieben Autos, wenn man zwischen ihnen steht, eine ins Unendliche reflektierte Zahl, und auch der Film scheint auf mehreren Leinwänden in leicht geknicktem Winkel zueinander zu laufen, ist aber ebenfalls nur einmal da. Und verbindet Waren- und Geldverkehr, Kinogeschichte und organisiertes Verbrechen in fünfzehn Minuten zu einem Schurkenstück, das in Wolfsburg seinen natürlichen Aufführungsort gefunden hat. Was ist da los? Was ist das für eine Ausstellung, die „Wolfsburg Unlimited“ heißt und diese Arbeit, so hinterhältig intelligent und unterhaltsam wie die Filme, die sie parodiert, zu ihrem Zentrum macht?

          Um das zu verstehen, muss man erst einmal in Wolfsburg ankommen. Spüren alle, die dort aus dem Zug steigen und sich durch die Fußgängerzone auf den Weg zum Kunstmuseum machen, schon nach wenigen Schritten den unbedingten Impuls, Fotos zu schießen? Von der Auslage des Ein-Euro-Ladens, in Körben von der Sonne bestrahlt wie eine serielle Skulptur; vom Kondomautomaten in Gelb mit einer graffitibesprühten zerschossenen Tür ohne Griff daneben; von der Ankündigung der „Horror-Nacht“ im Delphin Victoria-Kino und den brachen Flächen zwischen diesen urbanistischen Gruselkammern in der Stadt mit (jedenfalls bis kürzlich) dem höchsten BIP pro Kopf in Deutschland? Um zu beweisen, wir sind hier gewesen, und es sieht tatsächlich so aus wie in einem Schocker aus den Sechzigern, in dem sich die Menschen unbehaust durch unbewohnbare, unbespielbare Zeugnisse eines Bebauungsplans schleppen, der ein Zentrum vergessen hatte?

          Die Stadtgeschichte trifft sich immer wieder selbst

          Ralph Beil, der mit „Wolfsburg Unlimited“ seine erste Ausstellung als Direktor des Kunstmuseums vorstellt, ging es offenbar so. Und einer Reihe von Künstlern, die er eingeladen hat, ihrem Eindruck von Wolfsburg ästhetische Gestalt zu geben. Und vielen Besuchern wird es ebenso gehen. Als finge die Ausstellung am Bahnhof bereits an. Umso sinnfälliger wird ihnen „Das Projekt Hollerhafen“ vorkommen, eine Vision von Wolfsburg am Wasser, in der die unheimliche Fußgängerzone von einer Wasserstraße ersetzt wird, auf der echte und Boots-Schwäne schwimmen und Angler fündig werden könnten. Der Vorschlag ist am Eingang des Museums skizziert, nur halb ein Witz, wenn man von draußen kommt und denkt, so könnte es gehen, warum eigentlich nicht.

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