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Schau „Wolfsburg Unlimited“ : Vom Auerochsen zum organisierten Verbrechen

„Wolfsburg Unlimited“ ist eine raumgreifende Angelegenheit, das gesamte Museum wird bespielt. Ausstellungsgegenstand ist diese Stadt. Ihre Geschichte, dargestellt in soziologischen Zeugnissen, anhand von Modellen ihrer Viertel, gebaut oder nur geplant, und natürlich die Geschichte des Werks, dessen Türme sie überragen. Und das, was einige Künstler dazu zu sagen haben und daraus machen.

Der Blick aus dem Fenster zum Beispiel gehört dazu: wie jener vom ersten Stock durch von Nevan Aladag vor ein Fenster gespannte Harfensaiten hindurch auf den Turm des Rathauses, dessen Glockenspiel für die Dauer der Ausstellung von der Künstlerin umprogrammiert wurde, so dass nun der Tag um acht mit Lou Reeds „Perfect Day“ beginnt und mit Fabian Andre und Wilbur Schwandts „Dream a Little Dream of Me“ um acht Uhr abends sich zur Ruhe neigt. Dazwischen erklingt „Money, Money, Money (In a rich man’s world)“ von Abba, was vielleicht einer der passendsten Songs zur Stadt ist, die so gar nicht nach Reichtum aussieht. Wolfsburg, die Stadt von VW, ist nicht nur gerade jetzt den Aufwand wert. Denn ihre Geschichte scheint immer wieder sich selbst zu treffen, als gäbe es nur eine Handvoll Motive – Plan, Effizienz, Modell –, die sich zu den unterschiedlichen historischen Zeitpunkten mit denselben oder, in verschiedenen Epochen, anderen, doch verwandten Mitspielern wiederholen und mit Inhalt füllen.

Ein „Russenfriedhof“ im Wolfsburger Moor

Im Zeitraffer also beginnt die Ausstellung mit einem Durchlauf durch die Stadtgeschichte, deren ältestes Zeugnis ein paar Knochen eines Auerochsen sind, der vor 12.000 Jahren im Urstromtal der Aller graste, und sich heute den ersten Museumsraum unter anderem mit einem Porträt in Öl von Matthias Johann von der Schulenburg aus dem achtzehnten Jahrhundert teilt, einem Angehörigen des Adelsgeschlechts und Besitzer des Schlosses Wolfsburg, auf dessen Wiesen und Wäldern 1938 die „Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben“ gebaut und das VW-Werk Fallersleben errichtet werden sollte, wofür die von Schulenburgs mitten im Krieg von Paul Bonatz ein neues Schloss gebaut bekamen. Göring wollte übrigens den ausgestorbenen Auerochsen, jene so krachend deutsche Urgestalt, wieder in der Gegend von Wolfsburg ansiedeln. Dazu kam es nicht. Aber heute soll eine zumindest verwandte Spezies auf den umliegenden Wiesen grasen.

Von der Urzeit zu VW führt in dieser Stadt ein gerader Weg. Darum geht es. Um Verbindungen, Kontinuitäten, Verwandtschaften, Assoziationen. Aber auch um Vergessenes, Vergessene. Eines der verblüffendsten Exponate ist eine gelbliche Madonna, die der niederländische Zwangsarbeiter Hermann de Sommer 1943 geschnitzt hat, daneben die Mitteilung der Liegenschaftsverwaltung Volkswagenwerk vom 29. Oktober 1941, auf Bitten des Bürgermeisters habe man für einen „Russenfriedhof“ – die russischen Zwangsarbeiter für VW, die dort begraben werden sollten, waren noch gar nicht angekommen und auch noch nicht tot – eine Fläche im Wolfsburger Moor bestimmt, die „bereits durch Bombenschäden so weit geräumt ist“, dass vorübergehend eine Nutzung als Begräbnisort keine Schwierigkeiten verursachen würde.

Auch die Geschichte von Josef Ganz, vor einigen Jahren von Paul Schilperoord rekonstruiert und nun von Rémy Markowitsch in eine Installation mit dem Titel „Nudnik. Forgetting Josef Ganz“ verwandelt, gehört zu den lange vergessenen Teilen des Erbes von VW und Wolfsburg. Ganz war Jude, mit Ferdinand Porsche einer (zumindest) der Vordenker, wenn nicht Mit-Erfinder des VW-Käfers, ein Ingenieur und Journalist der „Motor-Kritik“, dem Markowitsch im Museum nun ein Denkmal setzt: mit einer goldenen Weltkugel, gestützt von einem Tripod, auf der eine Gans thront - und das im Museum einer Stadt, die ihrerseits dem Golf GTI im vergangenen Jahr ein fast zehn Meter langes blütenweißes Denkmal gewidmet hat.

Diese Stadt, so legt die Ausstellung nahe, ist beides. Einzigartig und exemplarisch. Eine Gründung Hitlers, die zur Vorzeigestadt des Wirtschaftswunders wurde und mit dem VW-Werk in der Mitte der Sinnstifter der Zukunft sein sollte. Immer vorne dran. Bis ein riesiger Betrug aufflog. Die Geschichte der Stadt legt nahe, auch davon wird sich VW, wird sich Wolfsburg erholen. Wir aber erinnern uns, wenn der Name der Stadt fällt, für eine Weile noch an Julian Rosefeldts Machos mit dem grimmigen Blick, die inmitten einer Containerlandschaft dunkle Geschäfte machen.

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