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Gibt es DDR-Kunst? : Ikarus, aufs Visum wartend

]Zum Witz vom Wolfgang Mattheuers „Seltsamer Zwischenfall“ von 1984 gehört es, dass die glotzende Reisegruppe, die des gefallenen Helden ansichtig wird, sich in einem Wagen des ungarischen Omnisbus-Herstellers „Ikarus“ befindet. Bild: Ausstellungskatalog

Erstmals wird in Westdeutschland die Malerei der DDR in historischer und ästhetischer Breite gezeigt. Die Düsseldorfer Schau „Utopie und Untergang“ konfrontiert dabei mit Vorurteilen, die über DDR-Kunst in Umlauf sind.

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          Über Kunst, die in der DDR entstand, gibt es seit langem sehr stabile Vormeinungen. Sie unterlag staatlicher Kontrolle und war insofern keine autonome, sondern heteronome Kunst, Auftragsmalerei, Kunst zur Stützung des SED-Regimes. Die wohlgelittenen Künstler waren infolgedessen „Staatskünstler“. Dass sie zu Professoren an den Hochschulen der DDR berufen wurden, ins westliche Ausland reisen durften oder einen Nationalpreis bekamen, sagt im Grunde alles über ihre Person und das Meiste über ihre Bilder. Wem das aber nicht genügt, soll sie doch bloß anschauen. Es wurde in der DDR überwiegend „figurativ“ gemalt, man hielt an handwerklichen, „altmeisterlichen“ Gesichtspunkten des Malens fest. Kunst musste politisch erbaulich sein. Die Freiheiten der Abstraktion, die den Blick vom wiedererkennbaren Objekt und seiner Botschaft zum Nachdenken über das Sehen selbst hinlenkten, waren der Kunst in der DDR fremd.

          All das sind aber nur Halbwahrheiten, also gar keine, und mitunter schlimmer noch: scheinheilige Kontrastfolien zum Zweck, die Freiheitlichkeit der „Westkunst“ und ihre überaus kritische Einstellung zur Gesellschaft hochleben zu lassen. Ob es von der Kunst aus betrachtet ein gewaltiger Vorsprung ist, ein Marktkünstler statt ein Staatskünstler zu sein, wäre an den Werken zu prüfen. Mindert es den Rang der Malerei Jackson Pollocks, wenn wir seit langem wissen, wie interessiert sich die CIA an der Durchsetzung des abstrakten Expressionismus zeigte? Werfen wir Warhol vor, nichts gegen Konsum gehabt zu haben, oder Miró, im Spanien Francos geblieben zu sein? Malten denn nicht auch Hopper und Hockney „figurativ“? Und wird zum Auftragskünstler schon, wer Objekte für den Reichstag lieferte, so wie Darboven, Haacke und Sieverding? Produziert überhaupt noch autonom, wer seine Bilder in den Dienst der Weltverbesserung anstatt der Kunstverbesserung stellt?

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