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Ausstellung „This Place“ : Bilderreise durch ein ummauertes Land

In Unterhemd und Uniform zum Badestrand: Frédéric Brenners Familienporträt „The Aslan Levi Family, 2010“ Bild: Frédéric Brenner

Die Ausstellung „This Place“ im Jüdischen Museum in Berlin betrachtet den Alltag in Israel und im Westjordanland durch die Augen von zwölf Fotografen – als Kampfzone und Ort der Begegnung.

          4 Min.

          Vor zwölf Jahren hatte der Fotograf Frédéric Brenner einen Traum. Er träumte davon, einige der berühmtesten und interessantesten unter seinen Kollegen nach Israel zu bringen, um gemeinsam mit ihnen ein Bild von der Gegenwart dieses Landes zu entwerfen. Unter den Teilnehmern an dem Projekt, so wünschte es sich Brenner, sollten weder Israelis noch Palästinenser sein; allein der Blick von außen sollte die Wahrnehmung bestimmen. Ansonsten gab es keine Beschränkungen. Wer sich auf die Reise in die fremde Wirklichkeit einließ, würde alle nur denkbaren Freiheiten in der Wahl seiner Sujets und ihrer Darstellung genießen, einschließlich der Freiheit, seine Fotos von anderen aufnehmen zu lassen.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jetzt ist die Ausstellung, die aus Brenners Projekt erwuchs, im Jüdischen Museum in Berlin zu sehen. Josef Koudelka ist dabei und Thomas Struth und Stephen Shore und Jeff Wall, insgesamt sind es zwölf Fotografen, unter denen Frédéric Brenner mit seinen Bildern den Anfang macht. Wer mit ihm spricht, merkt, wie sehr das Vorhaben sein Leben verändert, wie viel Kraft es ihn gekostet hat – die Recherchen, die Gruppenreisen nach Israel und in die West Bank, die Gespräche mit – überwiegend amerikanischen – Sponsoren, bei denen insgesamt sechs Millionen Dollar zusammenkamen, die Organisation der Ausstellung, die bereits in Prag, Tel Aviv, New York, Albany und Palm Beach zu sehen war.

          Höhepunkt einer Karriere

          Brenner, der in Paris aufgewachsen und mit Fotobüchern über Jerusalem und jüdische Diaspora-Gemeinschaften bekannt geworden ist, war nicht nur Initiator und Impresario des Projekts. Sein Beitrag setzt auch einen der stärksten ästhetischen Akzente der Berliner Ausstellung. Mit Brenners Aufnahme der Restaurierungsarbeiten am Palace Hotel in Jerusalem beginnt die Präsentation im Jüdischen Museum: eine entkernte Fassade, von Gerüsten gehalten, auf Betonstelzen gestellt, ein amphitheatralisches Geisterhaus. Wer will, kann im Internet nachlesen, dass das Palace Hotel in den zwanziger Jahren vom Oberrat der Muslime als Konkurrenzprojekt zum King David Hotel erbaut wurde und nach der Gründung des Staates Israel jahrzehntelang von Regierungsbehörden genutzt wurde, bevor ein kanadischer Investor das Gebäude kaufte. Aber auch ohne dieses Wissen ist das Foto unheimlich. Ein anderes von Brenners Bildern zeigt den israelischen Elitesoldaten Nir Caspi, der bei einem Angriff der Hizbullah beide Arme verlor. Er stützt den Kopf auf seine buntbemalten, in stählernen Haken endenden Prothesen. Bei näherem Hinsehen erkennt man, dass er auch keine Augen mehr hat. Der armlose Blinde und das Hotel ohne Zimmer bilden eine gespenstische Allegorie auf die Lage des Landes, von dem die Ausstellung erzählt.

          Aus Fazal Sheiks „Desert Bloom“-Serie, entstanden im Jahr 2011 Bilderstrecke

          „This Place“ lautet das Motto der zwölf Bilderserien. Den finstersten Reim darauf hat sich der in Tschechien geborene Fotograf Josef Koudelka gemacht. Wochenlang ist Koudelka an der Mauer entlanggefahren, die der israelische Staat an der Grenze zum Westjordanland und rings um die dortigen jüdischen Enklaven errichtet hat, und hat die Zerstörung der Landschaft festgehalten: Stacheldrahtrollen, Schutthügel, ein Panzerdenkmal, ein Übungsplatz für den Häuserkampf; und immer wieder der Wall aus Betonplatten, der scheinbar planlos das Gelände durchschneidet. Nach seinen Fotos vom Prager Frühling und dem Einmarsch der sowjetischen Truppen, die er in einem Koffer nach Westeuropa schmuggelte, seien dies die wichtigsten Aufnahmen seiner Karriere, erklärt Koudelka in einem Aufsatz im Begleitband zur Ausstellung.

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