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Ausstellung „Point of No Return“ : Widerwillen und Widerstand

Alles, nur nicht niedlich: Norbert Wagenbretts Gemälde „Aufbruch“ von 1989/90 Bild: Andreas Kämper, © VG Bild-Kunst

Starke Kräfte, die ihren Ursprung im ungefügigen Teil der Kunstszene eines abgeschotteten Landes hatten: Eine große Leipziger Ausstellung zeigt die Wechselwirkung von Wende und Kunst.

          Vor drei Jahren zeigte das Künstlerhaus Bethanien in Berlin eine von dessen Leiter Christoph Tannert kuratierte Ausstellung zu der Ausbürgerung von Wolf Biermann und den künstlerischen Reaktionen darauf. Ihr Titel: „Das Ende vom Lied“. Das hätte auch gut über der nun im Leipziger Museum der Bildenden Künste eröffneten Schau über die Friedliche Revolution in der DDR und die künstlerischen Reaktionen darauf stehen können, die wiederum von Tannert, diesmal gemeinsam mit Paul Kaiser, dem Direktor des Dresdner Instituts für Kulturstudien, und dem Leipziger Museumschef Alfred Weidinger konzipiert worden ist. Aber da der schöne Titel schon vergeben war, heißt sie in kunstbetriebstypischer Hilflosigkeit „Point of No Return“ – also ungefähr dasselbe, nur auf Englisch. Das ist aber auch schon das Schlechteste, was sich über die Ausstellung sagen lässt.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          Es ist ebenfalls „eine gepfefferte Themenausstellung“ geworden, wie Tannert 2016 seine Biermann-Schau charakterisiert hatte. Die Schärfe gewinnt sie durch die Auswahl der gezeigten Kunst, denn die bietet nicht das, was man erwartet hätte, also nicht die Heroen der späten DDR-Malerei wie Tübke, Mattheuer, Sitte, Heisig und deren wandelbare Kontinuitäten, obwohl auch sie hier jeweils mit einzelnen Bildern vertreten sind. Aber den mutigen Vorstoß ins Unbekannte beweist schon das erste Werk, auf das man nach Betreten des fast ganz dieser Schau gewidmeten Obergeschosses im Leipziger Riesenmuseum stößt. Wie eine Invasion ist da eine im buchstäblichen Sinne unumgängliche Figurengruppe von Franz Seidel inszeniert: ein rundes Dutzend leicht überlebensgroßer, giacomettiartig ausgedünnter Körper, aber mit kürzeren Beinen, dickeren Köpfen und Scherenhänden, stürmisch bewegt in den Raum hinein aufgestellt, an der Spitze dieses Vormarschs ein „Großer Wagen“, der aber vielmehr ein kleiner Rumpelkarren mit einem darauf liegenden ausgezehrten Menschen ist – kein Triumph-, sondern ein Verzweiflungszug, zusammengesetzt aus Einzelfiguren, die Seidel in den achtziger Jahren aus Gips und Eisen geformt hat.

          Kunst zwischen Regimegefälligkeit und Außenseitertum

          Dieser 1959 geborene Bildhauer ist einer von vielen eher Unbekannten unter den insgesamt 106 Künstlern der Ausstellung. Sie sind die besondere Stärke der Dokumentation von insgesamt vier Jahrzehnten ostdeutscher Kunst, die bis in unsere unmittelbare Gegenwart reicht – dank der Einbeziehung des Umgangs von jüngeren, aber noch in der DDR zur Welt gekommenen Künstlern mit dem Erbe ihres untergegangenen Geburtsstaates. Exemplarisch dafür sei die Installation „DDR Noir (Schrankwand)“ von Henrike Naumann genannt, die ein Bild miteinbezieht, das Naumanns Großvater Karl Heinz Jakob gemalt hat, der mit seiner Kunst zwischen Regimegefälligkeit und Außenseitertum balancierte.

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