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Afrika-Ausstellung in Brüssel : Die Würde mit den Mitteln der Kunst wiedererlangen

  • -Aktualisiert am

Bürde des Kolonialismus: „Europa“, eine Fotografie der Südafrikanerin Nandipha Mntambo (2008). Bild: © Stevenson, Cape Town / Johannesburg

Ist Kunst aus Afrika nur die Projektion eines westlichen Konzepts? Eine Ausstellung in Brüssel wechselt die Perspektive auf afrikanische Kulturgüter. Das ist für europäische Betrachter sehr lehrreich.

          Wie erzeugt man in Victor Hortas Jugendstilpalast, dem „Bozar“ genannten Zentrum für schöne Künste in Brüssel, die richtige Atmosphäre für eine Ausstellung afrikanischer Kunst? Man legt über den Plan des Ausstellungsraums einen alten Stadtplan Kinshasas, der Hauptstadt des Kongo. Die Ausstellung „IncarNations – African Art as Philosophy“ ist ein guter Anlass, um Europas Hauptstadt in diesen Tagen zu besuchen – jetzt, wo Tausende EU-Beamte sich über den Sommer in ihren Heimatländern befinden und die Stadt etwas aufatmen kann.

          Mit „IncarNations“ trifft der südafrikanische Kurator Kendell Geers in Zusammenarbeit mit Sindika Dokolo, einem kongolesischen Kunstsammler, den Nerv der Zeit. Vor dem Hintergrund der durch den französischen Präsidenten Emmanuel Macron neu angestoßenen Restitutionsdebatte über afrikanische Kulturgüter und des vielbesprochenen Berichts „Zurückgeben“ (2019) von Felwine Sarr und Bénédicte Savoy, aber auch anlässlich des vierhundertsten Jahrestags der Ankunft der ersten Sklaven aus Afrika in den Vereinigten Staaten, kommt diese Ausstellung gerade richtig. Sie sagt: Dekolonisiert eure Sichtweise.

          Schon beim Betreten der Ausstellung können dem Besucher die zwei seltsam anmutende Landkarten durch ihre Befremdlichkeit für das europäische Auge kaum entgehen. Bei den ausgestellten Karten handelt es sich um antike Stücke, eine aus dem sechzehnten Jahrhundert von Johannes Leo Africanus, einem Berber-Geographen, sowie eine Karte von Giovanni Battista Nicolosi von 1660. Der Süden befindet sich auf diesen Karten „oben“. Erst bei genauem Betrachten erkennt man am unteren Rand das vergleichsweise winzige Europa und seinen markanten italienischen Stiefel. Diese Karten sind eine gelungene Einstimmung auf die Ausstellung, die mit dem Versprechen wirbt, Afrika aus afrozentrischer und nicht aus europäischer Perspektive zu beleuchten.

          Kehinde Wiley ist berühmt für seine Porträts von Afroamerikanern. Ihm stand auch Barack Obama Modell. Hier: Wileys Gemälde „Hunger“ (2008).

          Der Titel „IncarNations“, der den Begriff der Inkarnation, also der „Fleischwerdung“ oder „Menschwerdung“ des Göttlichen beinhaltet, aber auch das englische „nations“ mitführt, verlautbart die Absicht dieser Ausstellung. Er steht für die Emanzipation der afrikanischen Nationen, ihre „Menschwerdung“ mit den Mitteln der Kunst. Es geht darum, die durch Kolonialismus, Ausbeutung und Versklavung enteignete Würde zurückzugewinnen. Sindika Dokolo deutete diesen Ansatz sinngemäß bei der Eröffnung der Schau an: „Wir müssen die Bürde, die uns der Kolonialismus auferlegt hat, überwinden und wieder lernen, uns selbst zu feiern“, sagte er mit Betonung des „wir“. Hier wird klar, dass die Ausstellung nicht die Reinwaschung des Gewissens Europas zum Zweck hat. Es geht um Afrika, das seine Würde wiedererlangen will. „Was ist afrikanische Kunst?“, fragen die Kuratoren. „Existiert sie überhaupt? Oder ist sie nur eine Projektion eines westlichen Konzepts?“ Die Antwort hierauf lautet: Ja, sie existiert und bedarf des europäischen Auges nicht, um als wertvoll und gleichwertig zu gelten.

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