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„Geheimnis der Materie“ im Städel : Eine Brücke zwischen Holz und Papier

Ernst Ludwig Kirchners Holzschnitt „Farbentanz“ aus dem Jahr 1933 Bild: Städel Museum

Man sah den Wald vor lauter Bäumen nicht: Das Frankfurter Städelmuseum zeigt erstmals die verblüffenden Parallelen zwischen Schnitzen und Schneiden bei den drei Expressionisten Kirchner, Heckel und Schmidt-Rottluff.

          Noch 1925 schreibt Ernst Ludwig Kirchner aus dem selbstgewählten Davoser Exil in „Künstler-Bekenntnisse“: „Der größte deutsche Meister ist Dürer, und die neuere deutsche Kunst wird in ihm ihren Vater erkennen.“ Kirchner rühmt hier nicht etwa den Maler Dürer, vielmehr den begnadeten Zeichner und Graphiker; all die Schweizer Jahre hindurch bis zu seinem Freitod 1938 lagen auf Kirchners Tisch die fünf Bände „Dürer-Zeichnungen“ und Holzschnitte, die er für ein Heidengeld erstanden hatte.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Das große Vorbild Dürer hatte schon 1528 in seinen „Vier Büchern von menschlicher Proportion“ geschrieben: „Wahrhaftig steckt die Kunst in der Natur, wer sie heraus kann reißen, der hat sie“, wobei das „reißen“ zwar nur das mit dem Stichel in Linien Festhalten meint, als Begriff jedoch durchaus etwas Vehementes besitzt. Kirchner und seine Mitexpressionisten sind die ersten, die Holzschnitte teils nicht mehr auf Papier abziehen, sondern das roh ins Holz gekerbte Relief als vollgültiges Bild belassen oder in den Holzschnitten bewusst gegen die Fasern des Materials arbeiten und Astlöcher stehenlassen; zum anderen entreißen sie gemalte Figuren der Flächigkeit einer Leinwand und meißeln sie dreidimensional mit dem Stechbeitel in derbe, meist gefundene Baumstämme.

          Bemalte Arve: „Mutter und Kind“ von Ernst Ludwig Kirchner um 1924 Bilderstrecke

          In beiden Fällen handelt es sich somit tatsächlich um „Pinselhiebe in Holz“, wie die Kuratorin Regina Freyberger das synchrone Arbeiten in den beiden scheinbar so unterschiedlichen Medien auf eine plastische Formel bringt. In der Ausstellung „Geheimnis der Materie“ im Städel wird nun zum ersten Mal diesen Wechselbeziehungen zwischen Holzschnitt und Holzskulptur nachgegangen, und zwar anhand der drei Paradeexpressionisten der 1905 gegründeten Künstlervereinigung „Brücke“, Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff. Dass die Bestände des Museums und seiner Graphischen Sammlung an diesen Künstlern nach der nationalsozialistischen Aktion Entartete Kunst heute aufgrund der Schenkung von über tausend Blättern durch den Sammler Carl Hagemann wieder besonders reich sind, würde die Beschränkung auf die Hauptexpressionisten des Hauses bereits pragmatisch erklären, ist aber auch inhaltlich begründet: Obwohl etwa Emil Nolde ausgebildeter Schnitzer war, hatte er sich früh davon verabschiedet, so dass nur dreizehn rustikal beschnitzte Holzscheit-Figurinen von ihm existieren. Ähnlich verhält es sich mit den anderen Expressionisten.

          Die Freiheit eines Geschlechtertauschs

          Im einführenden von vier Sälen wird auf die technischen Besonderheiten des Arbeitens in Holz vorbereitet, die drei folgenden sind je einem der drei Expressionisten gewidmet, wobei die Skulpturen im Zentrum jeweils zusammenzusehen sind mit den Holzschnitten, die erstmals aus ihren braven Passepartouts befreit wurden und nun ihr anarchisch schiefes und krummes Einprägen in die viel größeren Blattflächen offenbaren. Schon im zweiten Raum, dem Kirchnersaal, zeigt dessen Skulptur „Mutter und Kind“ von 1924 aus bemalter Arve, einem besonders elastischen weil sturmerprobten Hochgebirgsholz, alle Eigenheiten des Materials Holz, das in der Zeit um 1905 kein akademischer Bildhauer mehr angerührt hätte: Zum einen steht die blockhafte und in ihren Konturen zittrig ausfasernde Mutter-Kind-Gruppe im weitesten Sinn in einer christlichen Bildtradition, indem Kirchner beide wie die Stammeltern in sehr unterschiedlichen Hautfarben bemalt, das Kind tiefblaue Blüten hält und wie ein Christusknabe nackt ist; die Freiheit eines Geschlechtertauschs allerdings nimmt sich der Malerbildhauer, wenn er das Kind kurzerhand zum Mädchen mutieren lässt. Zudem sind beide Dargestellte gerade einmal 88 Zentimeter hoch und damit wie alle Skulpturen Kirchners weit unterlebensgroß.

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