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„Ein Gott“ im Bode-Museum : Vom Nebeneinander der Religionen

Die Ausstellung „Ein Gott - Abrahams Erben am Nil“ im Bode-Museum zeigt, was von den Blütezeiten des Christen- und Judentums in Ägypten auf uns gekommen ist; von den mageren Zeiten schweigt sie.

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          Nördlich von Theben, am Westufer des Nils gegenüber von Luxor, liegt der Totentempel der Hatschepsut. Er gehört zu einem Begräbniskomplex, der auch die Nekropolen zweier weiterer Pharaonen umfasst, darunter jene von Hatschepsuts Stiefsohn Thutmosis III. Im November 1997 erschossen islamistische Attentäter achtundfünfzig Touristen und vier einheimische Reiseführer in der Tempelanlage. Bis heute leidet die ägyptische Tourismusindustrie unter den Folgen des Anschlags.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Als Auguste Mariette und Edouard Naville ab 1893 die drei Tempel freilegten, lag an der Stelle, auf der sich jetzt der zweistöckige Portikus der Hatschepsut erhebt, die Ruine eines koptischen Klosters, das dem heiligen Phoibammon geweiht war. Auf zeitgenössischen Fotografien sieht man Reste eines festungsartigen, mit Mauern und Türmen gesicherten Baus, der sich nach dem Vorbild der Sinaiklöster an die Felswände anlehnt. Das PhoibammonKloster wurde bis ins elfte Jahrhundert genutzt und regelmäßig von Bischöfen der Kopten besucht. Mariette und Naville ließen die Ruine abtragen, um an die darunterliegenden Grabkammern zu gelangen.

          Ein ständiger Unruheherd

          Man muss die tausend Jahre heruntersteigen, die uns von den Fatimiden trennen, wenn man in die Welt gelangen will, von der die Ausstellung „Ein Gott“ im Berliner Bodemuseum erzählt. Und dann noch einmal tausend Jahre weiter hinab in die Zeit, aus der das älteste Exponat der Ausstellung stammt, ein Basaltkopf des Germanicus aus dem ersten Jahrhundert nach Christus. In die Stirn des Großneffen von Augustus ist ein Kreuz eingemeißelt, Nase und Ohren sind durch Beilhiebe verstümmelt. Vermutlich entstanden die Beschädigungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten der Spätantike, in der sich das heidnische Vielvölkerreich Roms in ein von theologischen Streitigkeiten zerrissenes christliches Imperium verwandelte.

          Ägypten, die reichste der östlichen Provinzen, war in diesem Staatsgebilde ein ständiger Unruheherd. Im fünften Jahrhundert setzte sich dort der Mono- oder Miaphysitismus durch, eine Strömung, die, vereinfacht gesagt, auf der einen und ungeteilten Natur Jesu Christi beharrt, im Gegensatz zur Zweinaturenlehre des Konzils von Chalkedon, die für Katholiken wie Orthodoxe bis heute gültig ist. Schon vor der arabischen Eroberung um 642 hatte sich die koptische Kirche faktisch von Konstantinopel abgespalten. Unter der Herrschaft des Islams, dessen Anhänger bis zur ersten Jahrtausendwende nur einen Bruchteil der Bevölkerung ausmachten, wurde sie endgültig selbständig.

          Schweigen von mageren Zeiten

          Der Bischof Abraham von Hermonthis, der sich als Abt des Phoibammon-Klosters um 590 nach Christus porträtieren ließ, war also ebenso ein Vertreter der Mehrheitsreligion wie seine Glaubensbrüder, die im zehnten und elften Jahrhundert in Mönchstracht auf farbigen Lüsterschalen abgebildet waren. Erst dann verdrängte der Islam die Kopten, die bis dahin die Verwaltungselite des Staates gestellt hatte, aus dem öffentlichen Leben. Religionen machen Geschichte, aber sie erliegen ihr auch.

          Davon sieht man wenig in Berlin. Die Ausstellung zeigt, was von den Blütezeiten des Christen- und Judentums in Ägypten auf uns gekommen ist; von den mageren Zeiten schweigt sie. Kulturgeschichte ist hier eine weichgespülte Version von Geschichte. Angesichts der Terrorfeldzüge des „Islamischen Staats“, der im Februar einundzwanzig koptische Gastarbeiter in Libyen hinrichtete, sind solche Überblicksschauen ein bitter nötiger Aufruf zur Versöhnung. Dennoch muss man an die Blutströme erinnern, auf denen ihre Heiligenbilder, Glasschalen und Geschäftsbriefe zu uns hin getragen wurden.

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