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Ausstellung „Wert der Freiheit“ : Korrupt werden für Anfänger

  • -Aktualisiert am

Auch Müll macht unfrei, zeigt Igor Grubis Aktion „Against Trash“. Bild: Igor Grubic

Die Wiener Schau „Der Wert der Freiheit“ vermisst entlang von rund fünfzig Positionen den Status quo der bekanntesten Forderungen der Aufklärung. Und findet keinen Weg aus dem selbstgebauten Labyrinth.

          Wir sind so frei wie nie zuvor, konstatierte das Magazin „Philosophie“ mit Tunnelblick auf die westliche Hemisphäre in seiner Sommer-Ausgabe. Und gleichzeitig sind wir Opfer von Leistungszwang und fehlender Spontaneität. Das Freiheitsversprechen des Internets ist von Riesenkonzernen und Geheimdiensten gekapert worden, der freie Wille nur eine Illusion und die Sklaverei spätestens im Niedriglohnsektor längst unter uns.

          Gleichzeitig sehnen sich immer mehr von frei flottierenden Ängsten überwältigte Menschen nach Kontrolle und Sicherheit. Auf originelle Rezepte gegen die allgemeine Verunsicherung darf man seitens der Politik kaum hoffen. Jair Bolsonaro, der jüngste brasilianische Neuzugang im Club der Rollback-Autokraten, bestätigt das Gesetz der Serie.

          Da kommt eine Ausstellung wie „Der Wert der Freiheit“ im Wiener Belvedere 21 gerade recht. Gleich am Eingang lässt sie den Besucher erspüren wie sich Unfreiheit anfühlt. Absperrbänder, wie man sie von den Schlangen am Flughafen kennt, schreiben den Weg vor, obwohl der Ansturm auf den mit allerlei schwarzweißen Trennwänden und begehbaren Displays vollgestellten Hauptraum des Belvedere 21 eher bescheiden ausfällt.

          Auf dem Pfad der Unfreiheit

          Drei ausbremsende Kurven später ist man um die Erfahrung der selbstverschuldeten Unmündigkeit reicher. Man hätte ja die Freiheit wählen können – die Bänder umschmeißen, das Diktat sabotieren und dem Künstler, in dem Fall Eva Grubinger, Paroli bieten.

          Stattdessen nimmt man die Abzweigung in die nächste Blackbox. Vorbildlich gekleidete Banker aus dem Londoner Business-Viertel geben sich hier auf nüchtern komponierten Videoszenen zu erkennen. Auch sie trauen sich nicht auszubrechen. Was sie von ihrem Arbeitsplatz im Marmorpalast vertreibt, ist das Laster des Rauchens.

          Die Verbannten frönen ihrer Sucht vor unattraktiven Hintereingängen. Die Künstlerin Nina Könnemann hat sichtlich Mitleid mit dieser drangsalierten Gruppe, die mehrfach am Tag ihren Elite-Status verliert. Und was lernen wir daraus? Die Freiheit der Mehrheit ist die Fessel des Abweichlers.

          Kurator Severin Dünser vermisst entlang von rund fünfzig Positionen den Status quo der bekanntesten Forderungen der Aufklärung, auffällig zwanglos, ohne chronologische oder thematische Einschränkungen, mit Sinn für ausufernde Nebenpfade und vorhersehbare Wucherungen.

          Christodoulos Panayiotous „The Public“ aus dem Jahr 2011 Bilderstrecke

          Wie frei könnten wir uns fühlen, fragt etwa Igor Grubić mit seiner Aktion „Against Trash“, wenn wir weniger Wegwerfmüll produzieren würden? Die App „Buycott“ ist da schon weiter, schnappt man um die Ecke auf. Sie informiert per Scannen des Strichcodes über das Produkt, das man doch bitte lieber im Supermarktregal liegen lassen sollte.

          Und was sagt die App zum sakral drapierten Totentuch der Mexikanerin Teresa Margolles? Darf eine Kunst, die echte Blutflecken einer Ermordeten in Nicaragua zeigt, wo die Freiheit der Frauen manchmal nicht viel wert ist, ins Museum? Künstlerinnen müssen sich in Wien übrigens über mangelnde Repräsentation nicht beklagen.

          Karin Ferrari etwa erweist sich als humorvolle Expertin der Funktionsweise von Verschwörungstheorien und alternativen Fakten. Ihr Video „DECODING US TV News Intros“ (THE WHOLE TRUTH) taucht in den Kosmos amerikanischer Nachrichtensendungen ein.

          Die Parallelen, die Ferrari zwischen der grafischen Gestaltung der Vorspanne und der von Freimaurern, Illuminaten und anderen obskuren Mächten verwendeten Symbolik zieht, sind ihrer eigenen Logik nach so stringent wie absurd. Natürlich fehlen die üblichen männlichen Verdächtigen auch in dieser Diskursschau nicht.

          Auf Christoph Schlingensief, Artur Zmijewski, Tobias Zielony, Alexander Kluge, Trevor Paglen oder Harun Farocki ist Verlass. Von ihnen lässt man sich routiniert über die Entgrenzung der Märkte belehren, die Effizienz-Anbetung der Consulting-Branche oder den Machtmissbrauch in hierarchischen Strukturen.

          Im Labyrith der freiheitlichen Gegenwart

          Damit ist der kuratorische Imperativ noch lange nicht ausgeschöpft. Die Herrschaft von digitalen Konzernen beleuchtet der Virtual-Reality-Künstler John Gerrard mit einer Kamerarundfahrt um ein geheimes Datenverarbeitungszentrum von Google. Milica Tomić läuft 2009 mit einem Sturmgewehr durch Belgrad, sucht Orte des Widerstandes von Partisanen auf, stets geleitet von der Frage, ob der aktuelle Kampf gegen den islamistischen Terror nicht das Gewaltmonopol des Staates zu sehr stärke.

          Damit die Last des perspektivisch ausgeleuchteten Planeten nicht zu schwer wiegt, gibt es auch Skurriles zu besichtigen. Wer partizipativ intervenieren möchte, kann dank des Kollektivs Superflex Täter werden und einen Korruptionsvertrag unterschreiben.

          Der „Cyberfem Manifesto Generator“ von Isabella Celeste Maund bedarf der Beantwortung von nur sieben Fragen, um ein personalisiertes feministisches Manifest zu erstellen. Selbst Mauer-Fetischisten kommen nicht zu kurz. In Lars Laumanns Video „Berlinmuren“ entbrennen zwei objektsexuelle Frauen in Liebe zur Berliner Mauer. So viel Freiheit in der Partnerwahl muss sein.

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          Weniger Wahlmöglichkeiten hätte man sich am Ende dieser Shopping Mall antikapitalistischer Lektionen dann doch gewünscht. Die Aufmerksamkeit zerbröselt, die Gegenwartskritik bekommt etwas Zwanghaftes, sie berauscht sich an sich selbst, als wäre die Überdosis das einzige Mittel, um aus dem Labyrinth heutiger Problemzonen unversehrt rauszukommen.

          Das ist schade, denn manch eine gedankliche Baustelle möchte man im Einzelnen nicht missen. Auf dem Weg nach draußen macht sich dennoch die Erschöpfung breit. Die Absperrbänder lässt man diesmal nicht über die eigene Ängstlichkeit jubilieren.

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