https://www.faz.net/-gqz-a25zu

NS-Bilder in Stuttgart : Kunst im Dienst der Diktatur

Ein Bildhauer peitscht den Himmel: Die Landschaft mit den drei galoppierenden Pferden von Fritz von Graevenitz wurden für das Städtische Kunstmuseum für eine astronomische Summe angekauft. Bild: Kunstmuseum Stuttgart

Akribisch wurde die Provenienzgeschichte der Bilder für ein geplantes NS-Museum für Schwäbische Kunst in Stuttgart untersucht. Dabei fand sich auch viel Neues aus der Übergangszeit der Malerei zwischen Weimarer Republik und Nationalsozialismus.

          5 Min.

          Man könnte meinen, über die Ausstellung „Der Traum vom Schwäbischen Museum“ im Stuttgarter Kunstmuseum müssten nicht allzu viele Worte verloren werden - eine von mehreren Institutionen in der Landeshauptstadt, die in diesem Fall systematisch seit 1924 schwäbische Kunst sammelt und nun ihre braune Vergangenheit durch den Kurator der Schau und Provenienzforscher des Hauses, Kai Artinger, umfassend aufarbeiten ließ. Was dabei herauskam, belegt indes nicht nur aufs Neue die Bedeutung jeder Provenienzforschung; es vermag auch das gesamtdeutsche Bild vom Bruch in der Kunst zwischen Weimarer Republik und NS-Zeit zu erschüttern.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          In den zwölf Jahren nationalsozialistischer Herrschaft wurden für das Stuttgarter Kunstmuseum unglaubliche 2278 Kunstwerke angekauft, mehr als je zuvor oder danach, und dies teils für astronomische Summen, weil die durch und durch korrupte Partei auch auf der Ebene der Kunst um keinen Deut weniger verderbt war. Wie die Nationalsozialisten im Autobahnbau vorhandene Pläne der Weimarer Regierung realisierten, übernahmen sie auch ein amerikanisches „New Deal“-Projekt, das als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für Maler Bilder in alle Rathäuser, Amtsstuben und Spitäler brachte und sich viele der Künstler damit gewogen machte. Schon mit diesen wenig bekannten Fakten beginnt es spannend zu werden und weit über den schwäbischen Horizont hinaus auszugreifen.

          Batikmalerei der Siebziger? Weit gefehlt. Fritz Langs „Cokospalmen mit Abendrot“ entstanden 1929.
          Batikmalerei der Siebziger? Weit gefehlt. Fritz Langs „Cokospalmen mit Abendrot“ entstanden 1929. : Bild: Frank Kleinbach/Kunstmuseum Stuttgart

          Im ersten Saal pflastern Landschaften in Petersburger Hängung alle Wände. Mehr als fünfzig Prozent der NS-Ankäufe waren Naturbilder. Der völkischen Mär der Nationalsozialisten zufolge hätten sich schwäbische Maler angeblich „besonders gut“ in Landschaften auszudrücken vermocht. Was man in den knapp achtzig Bildern sieht, sind banalste Feldwege durch Eichenwälder und Kornfelder. Aber auch kuriose Perlen. Eine große offene Landschaft mit drei preschenden Pferden von Fritz von Graevenitz etwa bietet mit dem schier endlosen, dräuenden Himmel eine morbide Mischung aus dem „Mönch am Meer“ Caspar David Friedrichs und den wirbelnden Firmamenten Turners.

          Von Graevenitz war eigentlich Bildhauer und malte erst seit einer schweren Augenerkrankung im Jahr 1939; überzeugter Nationalsozialist hingegen war er fast von der ersten Stunde an. Das macht das Bild nicht schlechter. Ähnlich verstörend sind die gemalten schwarzen Palmensilhouetten im Kitsch-Sonnenuntergang schräg gegenüber auf einem extremen Hochformat. In Farbwahl und Malweise fehlte nur die schöne Afrikanerin, um das Gemälde auch in die Siebziger datieren zu können. Es stammt indes von dem [...] Maler Fritz Lang, der es auf einer Afrika-Reise malte. Unmissverständliche Propaganda war damit kaum zu betreiben, dennoch wurden weitere Langs angekauft und gezeigt.

          Zuversicht sieht anders aus: Das „BDM-Mädel“ des Malers Fritz Ketz, der das Bild 1940 parallel zu einem HJ-Jungen vielleicht als Porträtauftrag von Privat malte.
          Zuversicht sieht anders aus: Das „BDM-Mädel“ des Malers Fritz Ketz, der das Bild 1940 parallel zu einem HJ-Jungen vielleicht als Porträtauftrag von Privat malte. : Bild: Kunstmuseum Stuttgart

          Die Kernfrage drängt sich immer wieder auf: Was wäre klar nationalsozialistische Malerei? Am eindeutigsten scheint die Frage noch bei dem Bild „BDM-Mädel“ von Fritz Ketz aus dem Jahr 1940 zu beantworten. Das blonde Mädchen trägt die Binde mit dem Abzeichen des „Bundes Deutscher Mädel“ und die charakteristische braune Jacke. Und doch sät der Maler Ketz - der selbstgestrickten Legende nach selbst von spätestens 1940 an Dissident - Zweifel: Haltlos traurig statt sieges- oder selbstsicher blickt diese Heranwachsende; viel zu modern auch und beunruhigend unruhig ist der Hintergrund, mehr gespachtelt denn gemalt. Vor allem aber hält das Mädchen in der schlaff herabhängenden rechten Hand drei welkende Primeln.

          Sage niemand, derartige Botschaften durch die Blume würden von „normalen“ Betrachtern nicht verstanden - in einem anderen totalitären System Deutschlands sorgten die traurig auf dem Tisch vor der „Ausgezeichneten“ Wolfgang Mattheuers liegenden drei Tulpen für einen riesigen Skandal - in einem Arbeiter-und-Bauern-Staat hatte es eben nur glückliche freilaufende Werktätige zu geben; lange Gesichter und hängende Belohnungsblumen galten als konterrevolutionär.

          Genau dies ist der Untertitel von Berthold Hinz’ 1974 erschienener Dissertation „Die Malerei im deutschen Faschismus – Kunst und Konterrevolution“, die bis heute unerreicht geblieben ist und das Fundament auch der Stuttgarter Ausstellung bildet. Die Übergänge sind fließend.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Corona-Debatte bei Anne Will

          TV-Kritik: Anne Will : Mit Plattitüden gegen die Pandemie

          Wer die gegenwärtige Misere der Talkshows im öffentlich-rechtlichen Fernsehen erleben wollte, bekam bei Anne Will einen bemerkenswerten Anschauungsunterricht. Eine Debatte fand nicht statt, stattdessen gab es ein Poesiealbum von Allgemeinplätzen.
          Brand in einem Flüchtlingslager auf Samos (Archivbild)

          Griechenland : Feuer im Flüchtlingslager auf Samos

          In einem griechischen Flüchtlingszentrum ist abermals ein Feuer ausgebrochen. Mehrere Container brannten nieder. Dutzende Minderjährige wurden aus dem Lager gebracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.