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Syrian Heritage Archive : Not kennt keinen Kulturgutschutz

Die Zitadelle von Aleppo wurde im Bürgerkrieg nur leicht beschädigt, die Sultaniyya-Moschee im Vordergrund dagegen völlig zerstört. Bild: Syrian Heritage Archive Project,

Eine Ausstellung im Pergamonmuseum zeigt die Arbeit des Syrian Heritage Archive: Bilder, Geschichten, Pläne und Zeichnungen von den im Bürgerkrieg zerstörten einmaligen Kulturschätzen Syriens.

          Das Wichtigste zuerst: Die Ausstellung „Kulturlandschaft Syrien“ im Südflügel des Pergamonmuseums ist keine Ausstellung im üblichen Sinn. Sie ist eine Präsentation. Was man hier zu sehen bekommt, ist also weniger eine Auswahl von syrischen Artefakten (das auch) als vielmehr ein Projekt – eines der bedeutendsten, die es im Augenblick in der deutschen Museumslandschaft gibt.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Dieses Projekt ist das „Syrian Heritage Archive“, das Archiv des syrischen Kulturerbes. Es entstand vor sechs Jahren als Gemeinschaftsunternehmen des Museums für Islamische Kunst in Berlin und des Deutschen Archäologischen Instituts aus Mitteln des Auswärtigen Amts. Vor sechs Jahren – also zwei Jahre nach dem Beginn des syrischen Bürgerkriegs, aber vor den Vernichtungsschlägen des „Islamischen Staats“, vor der Belagerung und Rückeroberung Aleppos durch die Truppen des Assad-Regimes und vor der Bombardierung des Simeon-Heiligtums durch russische Flugzeuge. Das Ausmaß der Zerstörungen, die das Archiv dokumentiert, ist seit seiner Gründung immer größer geworden, die Feuerwalze hat sich durch Aleppo, Homs und die Vorstädte von Damaskus gefressen, sie hat Palmyra erfasst und Raqqa, die zeitweilige Hauptstadt des IS, in ein minenverseuchtes Trümmerfeld verwandelt.

          Das Syrian Heritage Archive, dessen Seite unter www.syrian-heritage.org abgerufen werden kann, war deshalb immer auch ein Symbol der Hilflosigkeit: Sein allmähliches Wachsen konnte mit dem Tempo, in dem das syrische Kulturerbe verlorenging, nicht mithalten. Bis zum vergangenen Jahr. Inzwischen wird in Aleppo und Palmyra nicht mehr gekämpft, der IS ist aus Raqqa vertrieben, die Wallfahrtskirche von Sankt Simeon kein militärisches Ziel mehr.

          Ein planloser, geschichtsvergessener Wiederaufbau

          Die erste Welle der Zerstörung ist vorbei, jetzt droht eine zweite: ein planloser, geschichtsvergessener, vom politischen Interesse des siegreichen Regimes getriebener Wiederaufbau. In Aleppo, erzählt Stefan Weber, der Direktor des Islamischen Museums, wurden Katasterverzeichnisse, Grundrisse und Besitzurkunden gezielt beseitigt. Zum Glück besitzt die Universität Cottbus ein großes Konvolut von Aleppo-Katastern, und das Syrian Heritage Archive kann den alten Bauzustand mit Fotos und Zeichnungen belegen.

          Im Mschatta-Saal des Pergamonmuseums, in dem die Präsentation stattfindet, sind vor der geschwungenen Fassade des Omajjadenschlosses aus Jordanien fünf halbkreisförmige Stellwände aufgebaut. Sie entsprechen den Schwerpunkten des Archivprojekts: die Altstädte von Damaskus und Aleppo, dazu Raqqa, Palmyra und die Toten Städte im nördlichen Kalksteinmassiv. Die ersten vier sind bekannt, die Sprengung der Tempel Palmyras ging durch alle Medien.

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          Die Toten Städte jedoch, ein Netzwerk von Ruinenorten aus dem vierten bis achten nachchristlichen Jahrhundert, als Nordsyrien das Zentrum der Olivenölproduktion des Byzantinischen Reiches und später des ersten Kalifats war, hat kaum ein deutscher Kulturreisender gesehen. Darum ist diese Sektion die Entdeckung der Ausstellung. Um das Leitobjekt, einen Reliquiensarkophag, sind Fotografien des einstigen und heutigen Zustands gruppiert. Seit dem Ausbruch des Bürgerkriegs nutzt die lokale Bevölkerung die Ruinen als Zuflucht. Kinder schöpfen Wasser aus Steinsärgen, Familien hausen in antiken Gewölben. Die Not kennt keinen Kulturgutschutz.

          Medressen, Paläste, Gotteshäuser liegen in Trümmern

          Der Inbegriff der syrischen Katastrophe bleibt aber die Innenstadt Aleppos. Das syrische Halab, die älteste durchgehend besiedelte Stadt der Menschheit, wurde im Bürgerkrieg großflächig zerbombt, der überdachte Basar brannte aus, die Omajjadenmoschee aus dem achten Jahrhundert verlor ihr Minarett, Medressen, Paläste, christliche und muslimische Gotteshäuser liegen in Trümmern.

          Die Fotos in der Ausstellung sind geeignet, jedem, der einmal dort war, die Tränen in die Augen zu treiben. Ebenso schwer aber wie die Zerstörung der Gebäude wirkt der Verlust der Erinnerungen an die einst so weltläufige, großherzige, multireligiöse Metropole. Gegen dieses Vergessen will das Heritage Archive einen Damm aus Zeugenberichten bauen, die von Einheimischen und Reisenden erstellt werden.

          Auf der Website des Projekts erzählt ein Geflüchteter aus Syrien, wie er bei der Restaurierung eines alten Stadtpalasts (die mit deutschen Fördermitteln bezahlt wurde) das Traditionshandwerk der Holzmaler entdeckte, die ihre Kunst nur innerhalb der Familien weitergeben. Ein anderer erinnert sich an einen Besuch der Großen Moschee im Alter von sechs Jahren.

          Das wäre ein Befreiungsschlag

          Ab Ende 2019 soll jeder Nutzer eigene Geschichten auf die Website hochladen können, bis dahin bleibt es bei der passiven Betrachtung des Geschriebenen. Über eine Karte von Syrien kann man an der Medienstation der Ausstellung die Fotos, Erzählungen und Pläne zu den einzelnen Orten aufrufen. Es gibt noch viele weiße Flecken auf dieser Karte, und man fragt sich, ob jemals alles, was verlorenging, wenigstens als Bild bewahrt werden wird.

          Und wieder einmal fragt man sich, während man durch die Säle im Pergamonmuseum läuft, ob die Stiftung Preußischer Kulturbesitz eigentlich weiß, was sie tut, wenn sie die Sammlungen des Ethnologischen Museums zum Islam und des Museums für Islamische Kunst in zwei getrennten Häusern präsentiert.

          Die Ethnologen, heißt es, sammelten nur neuzeitliche Objekte, ihre Kunstkollegen dagegen Antike und Mittelalter, aber diese Trennung ist Unsinn, wie man am Beispiel Syriens sieht. Die Kultur dieses Landes ist ein ununterbrochener Strom über Jahrtausende hin, und nur als Ganzes kann man sie vergegenwärtigen. Diese Ausstellung möchte man sehen, egal, ob im Humboldt-Forum oder im Messel-Bau, ohne Grenzen zwischen den Sparten, ohne Gitter zwischen Einst und Jetzt. Das wäre ein Befreiungsschlag.

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