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Anti-Brexit-Ausstellung : Rückblick auf die Zeit der unverbrauchten Unschuld

Die pinnen, die Briten: Im Berliner Palais Populaire Unter den Linden zeigt die Tate London britische Skulpturen von 1950 bis heute als eine Art Anti-Brexit-Schau.

          5 Min.

          Was ist eigentlich britisch? In Zeiten des chaotischen Brexit stellt sich die Frage umso vehementer, sieht man derzeit doch allabendlich tumultuöse Szenen aus dem Unterhaus und auf englischen Straßen. Klischeegemäß ist britisch ein geschüttelter, nicht gerührter (im Sinne von ungerührter) schwarzer Humor, ein Adhoc-Ausstieg mit „Stiff Upper Lip“ aus einem europäischen Haus, in dem sich die Briten ohnehin nie heimisch fühlten, ein Wegdriften vom Kontinent, dem sich die stolzen Insulaner wohl zu keinem Zeitpunkt zugehörig empfanden.

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Museen aber kontern im Idealfall immer die offizielle Politik, und so verwundert es nicht, dass keine geringere Institution als alle vier Häuser der Tate Britain nun Unter den Linden in der ehemaligen Kunsthalle der Deutschen Bank, die seit vergangenem Jahr mit dem grausigen Namen „Palais Populaire“ geschlagen ist, ihre Schätze ausbreiten: Zum Wundern und Staunen ist dies durchaus, wie es schon der Ausstellungstitel „Objects of Wonder“ verheißt.

          Bedingung bei der Auswahl war nicht, gebürtiger Brite zu sein, was durch den Commonwealth ohnehin breit definiert wäre. Dennoch wird Kunst gezeigt, die in Großbritannien entstanden ist, und zwar innerhalb eines zentralisierten Systems von wenigen renommierten Hochschulen. So gehören rund achtzig Prozent der gezeigten Künstler nur drei großen Künstlerschmieden des Königreichs an und sind damit von ihren Lehrern im Guten wie in der Abgrenzung geprägt, was naturgemäß an meist großformatiger Skulptur besonders klar ablesbar ist.

          Gibt es britische Bildhauer von Weltrang?

          Wenn man ehrlich ist, fallen einem auf Anhieb nicht allzu viele britische Bildhauer von Weltrang ein. Historisch hat England keine Riemenschneiders, Berninis oder Pugets hervorgebracht; einige der in der Schau gezeigten Namen wie Hew Locke, Geoffrey Clarke oder Elisabeth Frink hatte man sogar überhaupt nicht (mehr) auf dem Schirm. Henry Moore und Kenneth Armitage (der seine Ausbildung natürlich ebenfalls an der Slade School of Fine Art in London erhielt, einer der besagten drei Talentschmieden) sind hier die berühmten regelbestätigenden Ausnahmen, indem ihre Großplastiken auch zahlreiche bundesdeutsche Fußgängerzonen besiedeln.

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          Was britisch sein könnte, hatte sich bereits einer der bekanntesten Kunsthistoriker des zwanzigsten Jahrhunderts, Erwin Panofsky, ausgerechnet im amerikanischen Exil gefragt. Sein Essay von 1962 über den Kühlergrill des Rolls Royce, der ja von einem handgefertigten Stück britischer Skulptur – die einer Tänzerin und der Nike von Samothrake nachempfundenen „Emily“ – bekrönt wird, ist eine Meisterleistung distanziert-dialektischer Betrachtung.

           Die Kühlerfront fasse, so Panofsky, „zwölf Jahrhunderte angelsächsischer Themen und Neigungen zusammen: Sie versteckt ein bewundernswertes Stück an Ingenieurskunst hinter einer majestätischen palladianischen Tempelfassade; doch diese wird überragt von einer windumwehten Silver Lady, deren Gestalt vom Geist unverfälschter Romantik durchdrungen scheint.“ Mit dem Verweis auf Palladios italienische Architektur und die schleierumhüllte Silberfigur der Spätromantik, beide nichtbritischen Ursprungs, betont Panofsky die kontinentalen Anteile des automobilen Gesamtkunstwerks. Dennoch werde dem Gelehrten zufolge alles, was britisch sei, durch den Rolls Royce und insbesondere seine exzentrische Kühlerfront verkörpert, die bekanntlich kein Massenfabrikat ist, sondern bis heute von Hand gehämmert wird, mit ihrer aufwendig gegossenen jugendstiligen „Silver Lady“ als gänzlich unantik einen Tempelgiebel krönender Akroter-Figur.

          Mit ihren scharfgratigen Spitzen

          Das von Panofsky konstatierte Fortführen von Althergebrachtem, und zwar „handmade“, das Offenlegen der Materialität, das Zeigen von Oberflächentexturen erscheint seit John Ruskins Arts & Crafts-Bewegung des neunzehnten Jahrhunderts tatsächlich als ein besonderer Charakterzug britischer Kunst, gerade in der Skulptur: In Richard Longs Steinkreis „Red Slate Circle“ von 1988 aus tiefrotem Saharaschiefer, dessen Material der Künstler wie immer auf langen Streifzügen zusammenbrachte, können die Augen zwar in den anscheinend endlosen Steinspiralen nach innen lustwandeln und meditieren.

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