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Legendäre Fotos : Wie ein Kinofilm mit Starbesetzung

Die 1967 in New York gezeigte Schau „New Documents“ zählt zu den wichtigsten Fotoausstellungen der Geschichte. Mit fünfzig Jahren Verspätung ist jetzt ein großartiger Katalog erschienen.

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          Unter den Fotografieausstellungen, die Geschichte geschrieben haben, steht „New Documents“ weit oben. Niemand nennt sie, ohne Begriffe wie „legendär“, „epochemachend“ oder „Meilenstein“ zu bemühen. Er wolle, hatte John Szarkowski, der damals noch junge Direktor der Fotoabteilung des Museum of Modern Art, im Frühjahr 1966 in einem Exposé darlegt, das Werk jener jungen Fotografen zeigen, „die die Ästhetik der Dokumentarfotografie aufgreifen, jedoch in einer Absicht, die letztlich weder sozial noch mahnend ist, sondern persönlich.“

          Freddy Langer
          (F.L./La.), Feuilleton, Reiseblatt

          Das war eine Abkehr ebenso von den engagierten Arbeiten eines Walker Evans und einer Dorothea Lange, die in den dreißiger Jahren die Armut im Süden der Vereinigen Statten dokumentiert hatten, wie von der humanistisch bis an die Grenze des Kitsches ausgerichteten Bilderschau „The Family of Men“ aus den Fünfzigern, einer Art globaler Verbrüderung im Anschluss an den Weltkrieg über den Umweg der Fotografie. Beide Richtungen waren eng mit dem MoMA verknüpft.

          Nun sollte es anders werden. Und „New Documents“ gab reichlich Stoff für nachdenkliche Berichte in der Presse und aufgeregte Kommentare im Gästebuch des Museums. Aber eine Zäsur war die Ausstellung nicht. Vielmehr griff sie eine Stimmung auf und vor allem eine Ästhetik, die sich zurückverfolgen ließ bis zu Robert Franks Fotoband „Die Amerikaner“ – in Europa bereits 1958 erschienen, in Amerika ein Jahr später.

          Ursprünglich als eine Übersichtsausstellung angekündigt, verschlankte John Szarkowski bis zur Eröffnung im Februar 1967 die Liste der Fotografen auf Diane Arbus, Lee Friedlander und Garry Winogrand. Dass die drei heute als die Fixsterne am Himmel der amerikanischen Fotografie der sechziger Jahre gelten und für immer zu einer Art Dreifaltigkeit verschmolzen sind, hat nicht zuletzt mit „New Documents“ zu tun. Doch hat Szarkowski diese Fotokünstler mitnichten entdeckt. Lee Friedlander, der jüngste unter ihnen, war Anfang dreißig, Diane Arbus schon Mitte vierzig. Alle hatten sie ein Guggenheim-Stipendium erhalten oder sogar mehrere – ein Adelsbrief für Künstler –, und von allen dreien hatte das MoMA bereits etliche Arbeiten gezeigt und angekauft.

          Weshalb also dieser Mythos um „New Documents“, dieser Glaube an einen Paukenschlag, mit dem eine neue Zeitrechnung in der Fotografie begonnen habe? So paradox es klingt, die Antwort könnte sein: Weil damals kein Katalog erschienen ist. Es blieb nichts übrig von der Schau als eine Handvoll Rezensionen und ein Faltblatt, das man zu einer verknappten Auswahl von Bildern gedruckt hatte, die als Wanderausstellung an gut einem Dutzend Stationen in Amerika haltmachte, zumeist in den kleinen Ausstellungsräumen von Universitäten und Colleges. Das Titelbild freilich gleicht heute dem Plakat für einen Kinofilm mit Starbesetzung. Das war Nährboden genug für Legendenbildung.

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