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Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, „Dichtung und Malerei“, gemalt 1786, Öl auf Leinwand, 60 mal 48 Zentimeter Bild: Casa di Goethe

Aufgetauchtes Kunstwerk : Noch so ein langes Bein

Doppelter Glücksfall, späte Heimkehr: Ein bisher unbekanntes Gemälde des „Goethe“-Tischbein kommt endlich wieder ans römische Licht.

          Es gibt sie, die zauberhaften Geschichten aus der Welt von Kunst und Literatur. Eine solche Geschichte hat uns Maria Gazzetti, die Leiterin des Museo Casa di Goethe in Rom, jetzt berichtet. Und sie ist obendrein eine kleine Sensation. Im Dezember vorigen Jahres lernte sie den italienischen Besitzer eines charmanten Gemäldes kennen, das den Titel „Dichtung und Malerei“ trägt. Sein Schöpfer ist Johann Heinrich Wilhelm Tischbein, aus der hessischen Künstlerfamilie der Tischbeins. Weithin bekannt ist er als „Goethe-Tischbein“, weil von ihm jenes berühmte Bild „Goethe in der römischen Campagna“ stammt, das zu einem Wahrzeichen des Frankfurter Städel-Museums geworden ist. Und noch schöner ist: Dieses in Italien befindliche Werk des Goethe-Tischbein war bisher der Forschung völlig unbekannt. Wir können es hier zum ersten Mal veröffentlichen.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Aber der Reihe nach: Tischbein malte „Dichtung und Malerei“ im Jahr 1786 in der Via del Corso18 in Rom, wo sich heute die Casa di Goethe befindet. Dort wohnte er mit seinen Malerkollegen Friedrich Bury, Johann Georg Schütz und Johann Heinrich Lips. Im Oktober jenes Jahres zog bei den Künstlern auch Goethe ein, der inkognito unterwegs war auf seiner „Italienischen Reise“. Und dort begann Tischbein im selben Jahr, ebendas Porträt des Dichters zu malen, über das Goethe in seinem Tagebuch vom 29.Dezember 1786 schreibt: „In diesem Künstlerwesen lebt man wie in einem Spiegelzimmer, wo man auch wider Willen sich selbst und andere oft wiederholt sieht. Ich bemerkte wohl, daß Tischbein mich öfters aufmerksam betrachtete, und nun zeigt sich’s, daß er mein Porträt zu malen gedenkt. Sein Entwurf ist fertig, er hat die Leinwand schon aufgespannt. Ich soll in Lebensgröße als Reisender, in einen weißen Mantel gehüllt, in freier Luft auf einem umgestürzten Obelisken sitzend, vorgestellt werden, die tief im Hintergrunde liegenden Ruinen der Campagna di Roma überschauend. Es gibt ein schönes Bild, nur zu groß für unsere nordischen Wohnungen. Ich werde wohl wieder dort unterkriechen, das Porträt aber wird keinen Platz finden.“ Recht hat er mit den Dimensionen, das Werk ist gut zwei Meter breit, und auch im Museum braucht es noch sattsam Platz. Wobei Goethes Naturell die Monumentalität gewiss nicht ganz ungerechtfertigt vorkam.

          In seinem erhellenden Gutachten zum neuentdeckten Gemälde bestätigt der Göttinger Kunsthistoriker Michael Thimann, dass es „mit einiger Sicherheit“ in den Räumen an der Via del Corso entstanden ist. An der Eigenhändigkeit können kaum Zweifel bestehen, zumal der Maler die Signatur „W.Tischbein“ oft benutzte. „Dichtung und Malerei“ ist freilich deutlich kleiner als der „Goethe“, mit einem handlichen Format von sechzig mal 48 Zentimetern; es weist damit den Charakter eines auch damals beliebten Privatbildes auf.

          „Goethe in der römischen Campagna“ bei einer Ausstellung im Städel-Museum.

          In seiner Expertise geht Thimann auf die Finessen in der Darstellung ein und würdigt deren Bedeutung für die aktuellen Künstlerdiskurse jener Zeit. Die zwei Frauen sind als Allegorien zu verstehen, wobei die linke, in Weiß gekleidete Figur mit ihrer Lyra als Verkörperung der Poesie ausgewiesen ist, die rechte Figur in ihrem farbig changierenden Gewand als Allegorie der Malerei. Leicht von oben herab neigt sich die Pictura der Poesia zu. Auf der Tafel, die jene vorzeigt, ist ein begonnenes Gemälde zu erkennen. Dessen Thema ist die Verfolgung der Nymphe Daphne durch den Gott Apoll; im letzten Moment wird Daphne in einen Lorbeerbaum verwandelt. So schildert es Ovid in seinen „Metamorphosen“. Am Ende der Jagd bleibt Apoll nur der Lorbeer in den Händen, der zu seinem Attribut als Gott der Künste wird.

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