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Dichters Expeditionen ins Reich der bildenden Künste : Rotweinflecken und Geisterbilder

  • -Aktualisiert am

Paul Scheerbart zeichnete 1907 seine mystische Jenseitsgalerie, Victor Hugo und Justinus Kerner erprobten die abstrakte Malerei und Herta Müller übt die Freiheit der Formen in der Collage. Ingelheim zeigt Dichter und ihre Expeditionen ins Reich der bildenden Künste.

          “Meine Zeichnerei kommt mir bald wie eine Erfüllung meiner kühnsten litterar. Wünsche u. Endziele vor!“, schrieb Paul Scheerbart um die Jahrhundertwende über seine Skizzen. Wer seine Jenseitsgalerie von 1907 betrachtet, mag erahnen, welch visionärer Geist hinter dem auch heute noch eher unbekannten Autor gesteckt hat. Krude Gesichtsformationen kristallisieren sich aus verpixelten Sternenbildern heraus, Rauch steigt aus trichterartigen Köpfen hervor. Dantisch, höllisch, frühsurrealistisch ist dieses Schattenreich. Zu Lebzeiten wurde der bettelarme Dandy, in dessen Gedankenlabyrinth Vorformen von Spülmaschinen und Staubsaugern herumspukten, unterschätzt.

          Nun wird er wie andere Dichter in der Ausstellung „Wortkünstler. Bildkünstler“ in Ingelheim unter neuen Vorzeichen betrachtet. Dabei steht nicht allein deren Literatur im Vordergrund. Vielmehr ihre Offenheit für das bildkünstlerische Experiment. Scheerbart war, so zeigt sich, mit seinen (alb-)traumhaften, gar mystischen Zeichnungen seiner Zeit weit voraus.

          So auch einige romantische Dichter. Während die abstrakte Malerei sich erst zu Beginn des zwanzigstem Jahrhunderts wirklich Raum schafft, lassen beispielsweise Justinus Kerners frühe „Klecksografien“ schon in den vierziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts Vorformen ungegenständlicher Darstellungen erkennen.

          Okkulte Geisterwesen finden sich auf seinen Hadesbildern, wahrscheinlich 1855 zusammengestellt, wieder, die sich als Gegenentwürfe zum aufklärerischen Rationalitätspostulat lesen lassen. So schrieb der Dichter selbst in einem Brief: „Mag sein, daß manches, das mir heute noch wundersam dünkt, in späterer Zeit eine natürliche Erklärung finden wird. Aber das ficht unser inneres Leben nicht an.“ Statt klare Kompositionen bilden seine Tintenkleckse amorphe Phantastereien ab, die gerade in ihrer Konturlosigkeit zugleich die Schaffenskraft des romantischen Subjekts entfalten.

          Glück und Zufall bei Hugo

          Ähnliches gilt auch für die abstrakten Versuche des Romanciers Victor Hugo. Neben konkreten Zeichnungen, darunter auch eine erstmals ausgestellte Originalskizze der Felsenburg auf Jersey, entwinden sich aus seinen Fleckbildern, entstanden aus Kaffee, Tusche oder Rotwein, ins Abstrakte weisende Landschaftsbilder, wie sie zu dieser Zeit allenfalls von William Turner oder Gustave Moreau bekannt gewesen sein dürften.

          Doch was bedeuten derlei Experimente für den Kunstbegriff Hugos? Solche Antworten bleibt die Ausstellung weitestgehend schuldig. Möglicherweise dürften Glück und Zufall, wie sie in den meisten seiner Romane eine wesentliche Rolle spielen, auch als Legitimation für die Fleckbilder gedient haben. Hinweise darauf finden sich in der Ausstellung selbst keine. Neben biographischen Abrissen sind den Objekten nur selten Erklärungen hinzugefügt.

          Und auch die Bezüge zu den literarischen Texten werden lediglich über einen Audioguide hergestellt. Das Credo besteht darin, den Besucher nicht einengen zu wollen. Das ist nett gemeint. Doch wer solches bildnerisches Potential bestaunt, erwartet nicht zuletzt auch Thesen und vielleicht sogar provokative Einschätzungen. Lediglich der gut aufbereitete Katalog bietet grundlegende, jedoch zumeist rein kunsthistorische Einordnungen, die aber bisweilen Mut zur Deutung vermissen lassen.

          Äußerst erfreulich ist hingegen die Rehabilitierung von Joachim Ringelnatz, der heute zu Unrecht oft allein auf burleske Klamauklyrik reduziert wird. Seine Bilder lassen hingegen einen dunklen Abgrund erkennen. Manche sind Zeugnisse tiefer Einsamkeit, andere von gesellschaftskritischem Impetus geprägt. So das Gemälde „Messingberg“ (um 1930), auf dem ein hell erleuchteter Berg umgeben von einer düsteren Meereslandschaft liegt. Im Hintergrund erkennt der Betrachter ein sinkendes Schiff. Wer darum weiß, dass den Autor unter Hitler ein Schreibverbot ereilen sollte und er sich im Telefonbuch fortan nur noch als Maler bezeichnen durfte, kann darin eine dunkle Vorahnung ausmachen.

          Nach Ringelnatz unternimmt die Ausstellung einen großen Sprung, lässt Bewegungen wie die Konkrete Poesie oder die Surrealisten hinter sich. Auch vom Zeichner Günter Grass ist nicht die Rede. Dafür erweist Ingelheim der Nobelpreisträgerin Herta Müller mit einem auch räumlich abgetrennten Ausstellungsraum eine große Hommage.

          Aus anfänglicher Zettelsammelei und Zeitungsschnipseln wurde bald ein poetisches Projekt, das die Ausstellung hervorragend herausarbeitet. Zu ihren aus Wortfetzen geschaffenen Collagen sagt sie selbst: „Je länger ich mit den Wörtern arbeitete, umso länger wurden die geklebten Texte ... Und sie (die Arbeit) ähnelt in vielem dem wirklichen Leben: der Zufall, durch den sich die Wörter treffen“ läuft auf die Idee eines freien Geistes hinaus, wie ihn Herta Müller angesichts von Zensur und Staatspropaganda im Rumänien der Diktatur wohl kaum erfahren konnte.

          Ihre Arbeiten werfen zum Abschluss ein Licht auf alle gezeigten Künstler. Ihnen liegt ein Ideal zugrunde, das im wahrsten Sinne romantisch, ja ganzheitlich ist. Das ist nicht mit Perfektion zu verwechseln, die zu vermitteln keineswegs dem Ansinnen entspräche. Kaum einer der hier gezeigten Autoren hätte sich als bildender Künstler verstanden. Größe schreibt ihnen die Ausstellung vor allem zu, weil sie sich, ohne auf Erfolg und stilistische Reinheit aus zu sein, einfach dem Prinzip des Versuchens verschrieben haben.

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