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Deutsche Stadt in China : Surreales Flair von Ruhe und Ordnung

  • -Aktualisiert am

Eine Art Disney-Deutschland mit Kopfsteinpflaster und Fachwerk hatte Schanghai ursprünglich in Anting bauen wollen. Ein Frankfurter Architekt hat stattdessen eine heutige deutsche Stadt entworfen - Mülltrennung inklusive. Ein Spaziergang.

          3 Min.

          So also sieht die neueste chinesische Utopie aus: eine fröhlich der Zukunft entgegenblickende Familie in bunten Farben, nun aber nicht mehr vor einem Traktor im Gerstenfeld (wie in den siebziger Jahren), vor glitzernden Kaufhäusern (achtziger Jahre) oder einem Meer aus Wolkenkratzern (Neunziger), sondern vor einer beschaulichen europäischen Stadt mit einem kleinen Kirchturm mittendrin. Das Bild im Stil früherer Propagandaplakate hängt im Schaukasten einer Siedlung fünfunddreißig Kilometer nordwestlich von Schanghai, wo die Utopie Wirklichkeit geworden ist: Hier hat das Büro des Frankfurter Architekten Albert Speer, AS&P, das in China an vielen Orten baut, innerhalb von zwei Jahren eine „deutsche Stadt“ errichtet.

          Mark Siemons

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die Bauherren von der Schanghaier Stadtverwaltung hatten ursprünglich ein Disney-Deutschland mit Fachwerk und Kopfsteinpflaster à la Rothenburg im Sinn, aber bekommen haben sie nun ein frappierend realistisches Deutschland mit Mehrfamilienhäusern, Mülltrennung und breiten Bürgersteigen inklusive Briefkästen vor der Eingangstür. In „Anting New Town“ sind die karminrot, blau und ockergelb gestrichenen Blöcke von unterschiedlicher Höhe und Struktur so munter und aufgelockert an kleine Plätze und künstliche Kanäle drapiert, daß man fast den Eindruck einer organisch gewachsenen Stadt bekommt. „Deutsch“ soll auch das Energiesparmodell mit Wärmedämmung, Doppelverglasungen und zentralem Blockheizkraftwerk sein.

          Urlaubsverheißung „Deutschland“

          Und dann diese Stille. An der Gracht läuft eine einsame Großmutter mit Baby auf dem Arm an den Trauerweiden entlang. Auf der breiten Hauptstraße mit ihren überdeutlichen Fahrbahnmarkierungen: weit und breit kein Mensch. In den großzügigen Parkbuchten unter den Pfirsichbäumen: bloß hie und da ein einzelner roter Golf. Das exotische, fast surreale Flair von Ruhe und Ordnung rührt sicher auch daher, daß bis jetzt erst fünfhundert Menschen in der neuen Stadt leben, wenngleich achtzig Prozent der Wohnungen schon verkauft sein sollen. Die versprochene U-Bahn ist noch nicht gebaut, fast alle Ladenlokale entlang der Hauptstraße stehen noch leer. Aber die Stille ist auch Kalkül. Es vollzieht sich ein eigentümlicher Tausch: Was Menschen im Westen, die für die rauschhafte Intensität der neuen chinesischen Metropolen schwärmen, wie ein Abgrund an Langeweile vorkommt, erscheint vielen Chinesen wie die Erfüllung all ihrer Sehnsüchte.

          Deshalb sind die meisten Kaufinteressenten Schanghaier, die die Wohnungen als Ferienwohnungen nutzen wollen. „Deutschland“ scheint für sie eine Verheißung ewigen, nachhaltigen Urlaubs zu sein. Ursprünglich sollte Anting als eine von neun designierten Satellitenstädten Schanghais dazu beitragen, das Zentrum zu entlasten, und außerdem den chinesischen Ingenieuren des benachbarten VW-Werks ein passendes Ambiente bieten. Ganz billig ist das ruhige deutsche Lebensgefühl übrigens nicht. Ein Quadratmeter (Bau-, nicht Nutzfläche) kostet 6700 Yuan (etwa 670 Euro), das ist zwar viel günstiger als in Schanghai, aber einiges mehr, als in der näheren Umgebung verlangt wird.

          Jetzt lächelt sie schon wie von selbst

          Um das Idyll zu bewahren, sind an allen Ecken Überwachungskameras montiert, und nur wenige Meter entfernt von dem Springbrunnen, in dem Goethe und Schiller stehen (eine Replik des Weimarer Denkmals, die die deutsche Partnerstadt Anting geschenkt hat), werden Sicherheitsleute lautstark von einem Mann im grünen Kampfanzug gedrillt. In der monatlich erscheinenden Zeitschrift des Verwaltungsmanagements der deutschen Stadt (“Wir Serviceleute haben Kraft“ lautet, in Anlehnung an ein bekanntes Revolutionslied, die Schlagzeile der aktuellen Ausgabe) ist sogar das gefühlvolle Gedicht eines Sicherheitsmanns abgedruckt: „Man nennt mich Soldat, / Ich habe aber kein Gewehr, / Ich habe nur ein warmes Herz / Um die Sicherheit der arbeitenden Bevölkerung zu beschützen“.

          Nur die äußere „Form“ ist also deutsch, das „Wesen“ ist chinesisch, wie die chinesischen Reformer früher zu sagen pflegten. „Wir setzen den deutschen Stil fort, mit dem Wald als Fußnote“, heißt es in einer etwas blumig geratenen Werbeschrift. Was das bedeuten mag, wird man sehen, wenn die Stadt voll ist. Schon jetzt erzählt eine Hausangestellte in der Servicezeitschrift, wie das „hohe Niveau“ der hiesigen Umgebung sie selber zu einer Qualitätssteigerung veranlaßte: „Am Anfang habe ich noch gezwungen gelächelt, jetzt geht das schon ganz natürlich.“

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