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Russische Druckgrafik : Die Sonne für die Nacht ist blendend

Das Joch der Wirklichkeitsschilderung abwerfen und die Welt neu konstruieren: Die deutsche Nationalbibliothek in Leipzig zeigt Druckgrafik der russischen Avantgarde.

          3 Min.

          Zum Finale des Jahres der russischen Sprache und Literatur in Deutschland, das Puschkin-Rap nach Düsseldorf, Kinderbuchillustrationen nach Berlin und Sachalin-Fotos aus der Tschechow-Zeit nach Marbach und Badenweiler brachte, zeigt nun die Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig Schriftgraphik, Werbe-, Plakat- und Theaterdesign der russischen Avantgarde. Die kompakte, kostbare Schau mit 160 Originalentwürfen, Druckvorlagen, Erstausgaben, die Russlands staatliche Ausstellungsagentur Rosizo aus diversen Museen, Archiven und Privatsammlungen zusammengetragen hat, veranschaulicht jenen revolutionären Sprung in eine eigenständige Zeichenwelt, die mit ihren wechselnden Buchstabengrößen, dynamischen Diagonalen und der frechen Kontrastfarbigkeit so frisch und aktuell wirkt, als produziere jene „Ohrfeige gegen den öffentlichen Geschmack“, wie das futuristische Manifest von 1912 hieß, immer noch Adrenalin.

          Kerstin Holm
          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Wort- und bildende Kunst der Futuristen warf noch vor Weltkrieg und Revolution das Joch der Wirklichkeitsschilderung von sich. Sie wollte Aktion sein, die Welt neu konstruieren. Dafür stehen lithographierte Ausgaben der „transrationalen“ Poesie von Alexej Krutschonych, Welemir Chlebnikow, Varvara Stepanowa, die den Eigenwert des Sprachlautes verfochten, nie gehörte Wörter erschufen, dadaistisch mit Nonsens-Lauten spielten. Herzzerreißend spartanische Pappbuchumschläge, geschmückt mit primitivistischen Holzschnitten oder abstrakten Farbpapiercollagen von Kasimir Malewitsch, Natalja Gontscharowa, Olga Rosanowa führen vor Augen, dass dieser Innovationsschub sich auch aus den Folkloreformen und dem Materialmangel des einfachen Volkes speiste.

          „Genossen Menschen! Spuckt nicht auf den Boden!“

          Doch der Oktoberumsturz machte Wladimir Majakowski zum Haupthelden der Epoche, und die Lyrikausgaben, Kinderbücher, Illustrationen, Fotomontagen, Werbesprüche dieses genial großmäuligen, phänomenal produktiven Dichterkünstlers führen wie ein roter Ariadnefaden durch die Ausstellung. Ein Juwel konstruktivistischer Buchdruckkunst ist die 1923 von El Lissitzky mit farbiger Graphik und plastischem Daumenregister gestaltete Ausgabe von Majakowskis Agitationslyrik „Für die Stimme“ (Dlja golosa). Während Lenins „Neuer ökonomischer Politik“ blüht die Reklame. Das illustrieren Werbeposter von Alexander Rodtschenko mit Slogans von Majakowski. So liest man um eine zwischen rote Winkelpfeile gezeichnete Glühbirne: „Her mit der Sonne in der Nacht! Kauf sie im GUM, blendend und billig!“ Zum Emoticon-Strichmännchen, das neun stöpselartige Produkte des „Gummi-Trusts“ im breit grinsenden Mund hält, heißt es: „Bess’re Schnuller gibt es nicht, bis ins Alter möcht ich sie lutschen!“

          Majakowskis unsterbliches Kinderpoem „Was ist gut, und was ist schlecht?“ kann man als Heftausgabe bewundern mit handschriftlicher Widmung des Autors als „Onkel LEF“ (die Abkürzung für die von Majakowski geleitete Avantgardekünstlergruppe „Linke Front der Kunst“) an ein Rodtschenko-Kind. Illustrationsskizzen über die darin enthaltenen Hygieneregeln beweisen, dass Odol-Mundwasser schon damals in Moskau geschätzt wurde. Die Verdienste des Dichters um die Erwachsenenbildung veranschaulicht ein Spucknapfplakat mit seinem Appell: „Genossen Menschen! Spuckt nicht auf den Boden!“

          Die Impotenz von Trash-Dichtung

          Doch Majakowski und seine engsten Vertrauten erscheinen sogar fast physisch anwesend. Fotocollagen auf Buchumschlägen zeigen ihn, seine Muse Lilja Brik und – mit LEF-Logo im rechten Brillenglas – deren Mann Ossip, den theoretischen Kopf von LEF und Mitbegründer der formalen Schule in der Literaturwissenschaft, der nebenbei für die Staatssicherheit arbeitete. Eine Weile lebten die drei wie eine Familie zusammen. Als Liljas Herz sich einem anderen zuwandte und sie eine Kontaktsperre verhängte, entstand das Poem „Darüber“, das heißt über die Liebe, die dem Helden die Welt zum Kosmos öffnet, ihn aber auch an ihrer Banalität leiden lässt. Auf Rodtschenkos Umschlagskizze der Erstausgabe prangt das berühmte Fotoporträt Liljas, deren aufgerissene Augen den abwesenden Dichter durchbohren. Der Text sei ungebührlich privat und „lyrisch“, fanden viele Zeitgenossen, die den klassenmäßigen Nutzen von Literatur und die proletarische Herkunft ihrer Autoren benoteten.

          Für den zunehmenden Druck, dem der Dichter sich ausgesetzt sah, steht Rodtschenkos Majakowski-Fotomontage für den Umschlag der Erstpublikation des Gedichts „Gespräch mit dem Finanzinspektor über Poesie“ von 1926, worin das lyrische Ich den Beamten fragt, ob die Dauerwirkung echter Poesie beziehungsweise die Impotenz von Trash-Dichtung wohl bei deren Besteuerung zu Buche schlügen. Symptomatisch erscheint, dass im selben Jahr der dem Dorf entstammende Boheme-Dichter Sergej Jessenin sich das Leben nahm. Rodtschenko besorgte auch die Umschlaggestaltung zu Majakowskis gereimtem Nachruf, die mit ihrer ironischen Collage aus Suprematismus und Birkenwaldbildchen dem Text entspricht, der mit der Formel schließt: „Sterben ist in diesem Leben leicht, schwerer ist’s das Leben aufzubau’n.“ Die Ausstellung, deren späteste Stücke aus den frühen dreißiger Jahren datieren, übergeht gnädig, dass Majakowski schon 1930 durch einen Pistolenschuss ins eigene Herz Jessenin ins Jenseits nachfolgte.

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