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Nazi-Raubkunst : Kopierte Kaiser in wechselnden Händen

Das Deutsche Historische Museum folgt den fragwürdigen Wegen von Albrecht Dürers Kaiserbildern im zwanzigsten Jahrhundert. Die Spur führt zu einem bedeutenden Nazi-Kunsträuber.

          2 Min.

          Eine Dauerausstellung zu unterbrechen ist keine Kleinigkeit. Erst recht, wenn es sich um die Ausstellung eines Geschichtsmuseums handelt. Die Bemühung, alle Etappen eines historischen Überblicks miteinander zu verbinden, ist dort ja keine Zusatzleistung, sondern geradezu die Geschäftsgrundlage. Wird sie aufgekündigt, reißt der Faden der Erzählung, und die Geschichte zerfällt in Geschehnisse.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Und doch hat das Deutsche Historische Museum in Berlin seine Dauerausstellung an der Nahtstelle zwischen der Weimarer Republik und der Zeit des Nationalsozialismus unterbrochen. Dort, wo sonst von der Machtübernahme, der Rassenpolitik und den Kriegsvorbereitungen im „Dritten Reich“ die Rede ist, wird jetzt eine anregende Präsentation zur Herkunft und Vorgeschichte der beiden Kaiserbilder aus Dürers Werkstatt gezeigt, die das DHM besitzt. 2003 erwarb das Museum die Gemälde, angeblich von einer Schweizer Familienstiftung. Vier Jahre später stellte sich heraus, dass die Bilder aus dem Eigentum des Nazi-Kunstexperten Bruno Lohse stammten. Mit einer aktuellen „Intervention“ erzählt das DHM jetzt ihre Geschichte.

          Hermann Görings eifriger Helfer

          Bruno Lohse war einer der wichtigsten Helfer Hermann Görings beim Raub von Kunstwerken jüdischer Sammler im deutsch besetzten Frankreich. Drei Jahre lang, von 1941 bis 1944, organisierte er die Beschlagnahme von Bildern, Möbeln und Skulpturen und ihren Abtransport in die Sammlung des geplanten Führermuseums in Linz oder auf Görings Landsitz Karinhall. Nach dem Krieg und einem Gerichtsprozess in Paris, den er aufgrund amerikanischer Fürsprache glimpflich überstand, handelte Lohse „diskret“, wie die Ausstellung mitteilt, in seiner Münchner Wohnung mit Gemälden. Bei seinem Tod hinterließ er eine ansehnliche Privatkollektion und ein Züricher Bankschließfach voller Raubkunst aus jüdischem Besitz.

          Bei der Sichtung seiner Kunstbeute bediente sich Lohse auch der Expertise jüdischer Fachleute. Einer seiner Korrespondenten war der Kunsthistoriker Max J. Friedländer, der unter Görings persönlichem Schutz im Exil in Amsterdam lebte. Die Bekanntschaft zwischen Lohse und Friedländer überstand selbst das Kriegsende und die Entnazifizierung. Noch zwei Tage vor Friedländers Tod im Oktober 1958, so Lohse in einem Brief an Jakob Rosenberg (einen weiteren deutsch-jüdischen Kunsthistoriker) in Harvard, habe er „dem Freunde meines Elternhauses“ bei einem Besuch das Versprechen gegeben, die Kaiserbilder als Dürer-Originale am Markt „durchzusetzen“.

          Der Name Gurlitt im Kopf

          Friedländer hatte die Idealporträts von Karl dem Großen und Kaiser Sigismund im Jahr 1938 in einem Auktionshaus in London entdeckt. Von dort kamen sie in den Besitz des deutsch-jüdischen Kunsthändlers Nathan Katz, der während des Zweiten Weltkriegs mit Duldung der Nazis in Dieren bei Arnheim eine Galerie betrieb, die Kaiserbilder aber als Kommissionsgut nach New York schickte. Irgendwann in den sechziger Jahren muss Lohse sie erworben haben, vielleicht in Erfüllung seines Versprechens an Friedländer – und sicher zu einem günstigen Preis. Als eigenhändige Dürer-Schöpfungen galten die Bildnisse nämlich trotz aller Bemühungen Lohses und Friedländers nicht. Auch die prächtige Inszenierung der beiden Gemälde im DHM kann ihren Werkstattcharakter kaum verbergen.

          Die Ausstellung rückt nicht Lohse, sondern Friedländer ins Zentrum, sie lässt die Provenienzrecherche der Kuratorin Sabine Beneke in einer Hommage aufgehen. Das ist museumspolitisch geschickt, aber nur die halbe historische Wahrheit. Das eigentliche Ereignis dieser „Intervention“ ist das Schlaglicht, das sie auf die Netzwerke aus Nazi-Kunsträubern und jüdischen Kunstexperten wirft, die in den dreißiger Jahren entstanden und teilweise offenbar noch lange nach dem Untergang des „Dritten Reichs“ existierten. Insofern bildet die Unterbrechung der Dauerausstellung im DHM zugleich eine Gelenkstelle zur Gegenwart. Der Name Hildebrand Gurlitt erscheint auf den Raumtexten kein einziges Mal. Und doch hat man ihn ständig im Kopf, während man den parallelen Wegen von Lohse und Friedländer folgt. Das letzte Kapitel dieses seltsamen Gangster-Epos ist noch lange nicht aufgeschlagen. Das Deutsche Historische Museum hat immerhin gezeigt, dass es seinen Text zu lesen versteht.

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