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Designer Philippe Starck : Der Mann, der nie in der Realität ankommen wollte

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Er lässt sich nicht gern unterbrechen, sagt seine Frau. Ingeborg Harms hat es dennoch getan. Ein Gespräch mit dem Designer Philippe Starck über elegantes Denken, Interieurs als kreative Maschinen und über die Abschaffung des Todes.

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          Das Treffen mit Philippe Starck, 60, dem weltbekannten Designer, findet in seiner Firma im Pariser Marais-Viertel statt. Bevor das Interview beginnt, weist Jasmine Starck darauf hin, dass ihr Mann sich nicht gern unterbrechen lässt. Als das Gespräch gleich nach der ersten Frage zum Vortrag wird, ist ein Regelbruch fällig.

          Herr Starck, woher nehmen Sie Ihre Ideen?

          Ich bin durch Zufall im Design gelandet. Das Medium hat mich gewählt, und ich habe es aus Faulheit und Mangel an Selbstbewusstsein akzeptiert. Ich bin in einem Alter, in dem ich das erkennen und bedauern kann. Also habe ich ein philosophisches Medium und ein poetisches Ausdrucksmittel daraus gemacht. Ein Hotel ist für mich eine Maschine, die Erlebnisse generiert. Es geht darum, die Menschen aus sich heraus zu versetzen und an einen mentalen Ort zu transportieren. An diesem mentalen Ort werden sie sich vielleicht schöner, eleganter, charmanter, offener und wacher fühlen, sie werden aufgeregter sein, mit mehr Wünschen und mehr Verlangen. Ich hole sie aus dem Schlaf, in den sie eine Gesellschaft versetzt hat, die nichts als Zuschauer produziert. Mit einem kleinen Kasten hypnotisiert sie die große Herde.

          Meine Rolle war ein Leben lang die des Produzenten fruchtbarer Überraschungen. Für mich zählt nur, dass die Menschen reagieren. Statt zu sagen: Oh wie chic und mondän es hier ist, dieses Rosé und dieses Grau, wie viel Geschmack das beweist!, werden sie ihrer Frau erzählen: Ich war in diesem neuen Hotel, ich kann es dir gar nicht beschreiben, aber ich hatte plötzlich eine solche Energie und Lebenslust, dass mir lauter Ideen gekommen sind! Meine Interieurs sind kreative Maschinen, und dafür ist mir jedes Mittel recht. Mitten im New Yorker „Royalton Hotel“ wird man eine große Bühne einrichten, im New Yorker „Hudson“ betritt man direkt von der Straße eine enge steile Rolltreppe. Das Pariser Restaurant „Mama Shelter“ ist eine Art großer Bahnhof, unmondän, voller Ikeamöbel.

          Müssen Sie nicht zunächst selbst über diese Dinge staunen, um Staunen bei anderen hervorzurufen?

          Natürlich! Ich bin sensibel, bei mir gibt es echte Gefühle. Aber im Grunde mache ich dasselbe wie ein Filmregisseur. Der denkt auch nicht zuerst ans Dekor. Er denkt an die Geschichte.

          Sie fangen bei der Planung eines Hotels mit der darin stattfindenden Handlung an?

          Genauso ist es. Um den erwünschten Effekt zu erzeugen, halte ich die Eingangshalle sehr niedrig, danach zum Aufatmen die Decke extrem hoch, danach möchte ich, dass Sie verwirrt sind und sich verirren. Es ist eine Art mentaler Parcours.

          Der Haupteffekt Ihrer mit Möbeln im XXL-Format ausgestatteten Interieurs ist die Illusion, wieder Kind zu sein. Sie erzählen gern, dass Sie unter dem Arbeitstisch Ihres Vaters saßen, der Flugzeuge entwickelt hat. Haben Sie Erinnerungen an eine Zeit, in der alles viel zu groß für Sie war?

          Ich habe kaum Erinnerungen, aber ich glaube, dass es der größte Gefallen ist, den man seinen Freunden tun kann, ihnen die Tür zu Alice' Wunderland zu öffnen. Und das versuche ich mit einer surrealistischen, politischen, humoristischen Sprache zu erreichen. Denn der Humor ist letzten Endes das schönste Symptom der menschlichen Intelligenz. Das Einzige, woran ich mich erinnern kann, ist der Wunsch, aus dieser Gesellschaft auszubrechen.

          Dabei war Ihre Familie gar nicht so konventionell.

          Vor allem habe ich nicht viel Familie gehabt! Das war schnell vorbei.

          Wie bitte?

          Meine Familie hat nicht sehr lange existiert. Mein Vater war nicht da, meine Mutter war nicht da. Seit ich fünf war, habe ich mir das Essen alleine bereitet.

          Dann haben Sie früh Bekanntschaft mit dem Realitätsprinzip gemacht.

          Ich bin nie in der Realität angekommen. Ich habe mein ganzes Leben lang hart dafür gearbeitet, sie nie betreten zu müssen.

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