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Günther Uecker zum Neunzigsten : Der Ideenhammer hat die Welt als Nagel

Alles andere als vernagelt: Der Künstler Günther Uecker in seinem Atelier. Bild: dpa

Malocher einer Malerei mit Eisen: Dem Künstler Günther Uecker zum neunzigsten Geburtstag, der mit seinen wogenden Metallstiften das Landschaftsbild revolutionierte und nebenbei der Kunst Humor verleiht.

          3 Min.

          Kind bleiben - was viele Künstler zeitlebens versuchen, ist ihm gelungen. Günther Uecker schlug wie Huckleberry Finn Nägel in die Geschichte der Kunst ein, um sie zum Halten zu bringen. Bubenhaft unschuldig machte er selbst Chronos, den gnadenlosen Herrn der Zeit, schwindelig, indem er ihn in seiner Installation „Sandmühle“ von 1968 im Ruhr-Museum Bochum endlos im Kreis laufen ließ: Wie ein meditativer Ausgleichsprozess zu den Eruptionen des Jahres 1968 erzeugt dort ein automatisierter Zen-Gärtner mit Roboterarm-Rechen auf einem kreisrunden Sandbett mit jeder Umdrehung neue Texturen; die Leinwand des Malers ist durch Sand ersetzt, der zufällige und unberechenbare Fall der Sandkörner erzeugt ein ums andere Mal neue abstrakte Formationen.

          Wogende Eisenfelder einer neuen Landschaftsmalerei: Günther Ueckers „Weißes Feld“ von 1994.

          Vom Rechen durchfurcht wie ein japanischer Kiesgarten

          Stefan Trinks

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bochumer Sandmühle ist eine der schönsten, zugleich tiefsten Arbeiten Ueckers, ist es doch kein Zufall, dass sie im Ruhr-Museum vor sich hin malocht und dabei mit jeder Runde im Joch die Schönheit einer Minimalform hervorbringt. So ist Uecker, 1930 im mecklenburgischen Wendorf geboren und auf der Halbinsel Wustrow aufgewachsen, selbst ein Malocher der Kunst, der, mit einem Kohlebergwerk robuster Ideen im Kopf ausgestattet, mit einfachsten Mitteln und armseligen Alltagsmaterialien wie Zimmermannsnägeln für jedermann verständliche Formen erarbeitet.

          Die Nagelbilder, mit denen er vor allem assoziiert wird, erfand er bereits 1956 noch während des Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf bei seinem Vorbild Otto Pankok. In jedem Museum von Rang wird man diesen oft in Spiral- oder Kreisform wogenden Nagelfeldern begegnen. Aber auch in Alltagsgegenstände wie Möbel, Musikinstrumente oder Fernseher schlug Uecker seine Signatur: „Da muss ein Nagel reingeschlagen werden, damit da Widerstand erzeugt wird, so dass Kunst eindringen kann in die Banalität von Leben“, erklärte er einmal zu den oft surrealen Form-Inventionen und Interventionen, wenn er etwa die Kuppe eines Schuhs wie einen Igel mit Nägeln spickte und so in die Nähe von Meret Oppenheims Pelztasse als entfunktionalisierten Gebrauchsgegenstand rückte, der so zum Stachel im Auge des Betrachters wird. Dabei weist seine Kunst immer auch einen kräftigen Schuss knäckebrottrockenen mecklenburgischen Humor auf.

          Humor ist, wenn`s weh tut: Die Arbeit „Spikes“ aus dem Jahr 1972 von Günther Uecker ist in der Geburtstagsausstellung „Uecker 90“ im Staatlichen Museum Schwerin ausgestellt.

          Bester Beleg dafür ist Ueckers Arbeit „Und noch ein Tischbein“ in einem süddeutschen Museum: In das gedrechselte und dadurch tailliert wirkende Holzbein eines klassizistischen Tisches hat er am Kopf einen seiner mächtigen Zimmermannsnägel eingeschlagen. Wie ein afrikanisches Nagelvotiv erwacht das Möbelfragment zum Leben und spielt mit seinem Namen augenzwinkernd auf die weitverzweigte Malerfamilie aus Kassel an. Mit einem Mal steht in der Epochenabfolge des Museums wie in dem Film „Zurück in die Zukunft“ mit einer Zeitmaschine versetzt ein weiteres „echtes“ Tischbein-Kunstwerk, nun aus der Jetztzeit. Das sollte indes nicht als Kalauer missverstanden werden, vielmehr als minimal-invasiver und deshalb umso intelligenterer Eingriff der zeitgenössischen Kunst, mit der Uecker die historischen und allzu menschlichen Kanonisierungen und Zuschreibungen von Kunstgeschichtlern lustvoll auf die Schippe nahm.

          Romantiker im Herzen

          Wichtig war ihm stets, dass es sich auch bei den Nagelbildern mit ihren sorgfältig parallelisierten und wie Ackerfurchen in die Scholle der kalkig grundierten Leinwand eingepflügten Nagelreihen immer noch um Landschaftsmalerei handelte. Seine Bilder stehen in der Tradition der Romantik vor allem Caspar David Friedrichs, und so überrascht es nicht, dass Uecker in den frühen siebziger Jahren dem bewunderten Greifswalder Landsmann mit seiner „Vier-Tageszeiten-Serie“ eine explizite Hommage widmete.

          Heavy-Metall-Ich aus Nägeln, zu jeder Tageszeit ein anderes: „Selbstporträt“ von Günther Uecker aus dem Jahr 1963.

          Noch ein älteres, bisher nicht gesehenes Malervorbild scheint aber wichtig: Auf Altdorfers „Alexanderschlacht“ in München und dem „Sieg Karls des Großen über die Awaren“ im Nürnberger GNM bilden die Tausenden von metallischen Lanzenspitzen jeweils ein ähnliches Licht-Mikado wie auf Ueckers Bildern. Dass dieses impressionistische Wogen des Lichts auf seinen kalkweiß geschlämmten Nagelfeldern über den schwarzen Metallstiften eine wesentliche Rolle spielte, kann jeder erkennen, der ein solches Bild im Museum, etwa dem von Schwerin, das ihm aktuell die große Geburtstagsretrospektive ausrichtet, zu zwei unterschiedlichen Tageszeiten aufsucht. Seit Uecker 1961 der von Heinz Mack und Otto Piene gegründeten Künstlergruppe ZERO beitrat, wandte er sich der kinetischen Kunst und damit insbesondere dem Licht als neuem Arbeitsmaterial jedenfalls noch viel stärker zu.

          Trotz Rekordpreisen kollegial

          Im November 2017 sorgte Uecker auf dem Kunstmarkt für Furore, weil sein Nagelbild „Both“ von 2011 einen Rekordpreis von 2,2 Millionen Euro erzielte und damit die höchsten Auktionsergebnisse des Jahres anführte. Gewidmet ist das Werk seinem Malerfreund Roman Opalka, der ähnlich manisch Zahlen in seine Leinwände eintrug wie er Nägel. Uecker ist eben davon überzeugt, dass große Kunst nur im kollegialen Austausch entstehen kann. Heute feiert der unermüdliche Nagelfurchenzieher seinen neunzigsten Geburtstag.

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