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Der Verfall von Pompeji : Wartet nicht auf bess’re Zeiten

  • -Aktualisiert am

Einst waren die ausgegrabenen Vesuvstädte Pompeji und Herculaneum Zeitkapseln. Heute ist ihre Rettung ein Wettlauf mit der Zeit. Doch der italienische Staat schickt lieber Sponsoren ins Rennen.

          7 Min.

          Das charakteristische Pompejanisch-Rot ist so intensiv, dass man die wohlige Sommerhitze Kampaniens zu spüren glaubt. Wäre da nicht die kühle Feuchte im Raum, die frösteln macht. So steht man, die Füße im Schlamm, zu dem sich die steinharte Verschüttungsmasse beim Kontakt mit Wasser auflöst, und staunt einen kleinen Salon (Oecus) der weltberühmten Villa di Papiri in Herculaneum an. Es ist Dienstag, der 12. April. Der Oecus wurde 2009 freigelegt. Gesehen hat ihn, außer Archäologen, noch niemand. Dabei ist er faszinierender als drei Stunden Zeitreise im übrigen Herculaneum: Grazile gemalte Papyrusstengel rahmen Bildfelder, in denen fliegende Putti, Faune und sublime Veduten wechseln. Über einem mehrteiligen Gesims folgt ein Tonnengewölbe. Seine unteren Ränder zieren Stuck-Kassetten mit Fabeltieren und Orientalismen, darüber ein Waffenfries – Harnische, Äxte, Schilde, Schwerter, Helme in klassischem Weiß. Den Scheitel füllen weitere Kassetten. Alle Farben leuchten frisch, als seien sie gestern aufgetragen.

          Was uns anmutet wie der Höhepunkt der einstigen Residenz der Pisonen (ihr Oberhaupt war Caesars Schwiegervater), war zu Lebzeiten Herculaneums Beiwerk. Denn der Oecus ist einer von sieben gleichgroßen, die sich auf eine säulengesäumte Terrasse mit Meeresblick öffneten. Ihr Zentrum war höchstwahrscheinlich ein noch verschütteter Prunksaal.

          Etwa ein Zehntel dieser einzigartigen, 1750 durch Stollen von dem Schweizer Bergbauingenieur Karl Weber erkundeten Villa ist heute freigelegt. Als man sich 1992 zur Freilegung entschloss, rechnete niemand auf mehr als die elegante Architektur. Denn Weber hatte achtzig Bronze- und Marmorstatuen geborgen – die bislang reichste bekannte Kunstsammlung der römischen Antike. Umso größer das Staunen, als sich weitere erlesene Skulpturen und drei zusätzliche, von Herculaneums Steilküste bis zum zehn Meter tiefer gelegenen Strand reichende Geschosse fanden. 2007 stieß man auf den bisher aufsehenerregendsten Fund: einen hölzernen Dreifuß mit atemberaubend kunstvollen Elfenbeinreliefs des altorientalischen Attis-Mythos.

          Fraß der Fäulnis

          Die untere Terrasse, auf der dieser Dreifuß ehedem stand, ist übersät mit Trümmern der oberen Geschosse. An ihrem Rand schäumt ein Bach. Er bricht bei dem Oecus aus einem halbverschütteten Stuckrelief, bahnt sich seinen Weg längs der einstigen Arkaden nach unten, wo er in einer sumpfigen Spalte verschwindet. Unser Führer zuckt fatalistisch die Achseln: Gegen das Wasser ist kein Ankommen, schließlich liegt Herculaneum unterhalb des heutigen Meeresspiegels. Die Lawine des Vesuvausbruchs begrub die damalige Steilküste und schuf vierhundert Meter vor ihr und vier Meter höher eine neue.

          Die überdachte Strandterrasse hielt den tonnenschweren Wandteilen stand, die von der Wucht der Lawine am 25. August 79 aus zehn Metern Höhe nach unten geschmettert wurden. Sie bilden ein heilloses Durcheinander, aus dem – man denkt unwillkürlich an die vom Tsunami geschundenen Küstenstädte Japans – geborstene Eichenbalken und Marmorplatten ragen. Der Unterschied zum unversehrten Oecus könnte krasser kaum sein.

          Und doch bezeugt auch dieser Raum das Dilemma der antiken Stätte: Im seinem unteren Drittel, das womöglich noch Mobiliar und Statuetten birgt, musste man den erstarrten Schlamm als Stütze stehen lassen. Ohne ihn würde das Gewicht der oberen Verschüttung den Oecus zusammenbrechen lassen. Auch die Pumpen, die ringsum das Grundwasser abhalten, konnten nicht installiert werden – ein Austrocknen ließe den Stuck und die Fresken sofort zerbröseln. Die rettende Feuchtigkeit aber ist zugleich Verderben. Denn die Bretter, die das Gewölbe vor den Stangen eines stützenden Metallgerüsts schützen, sind zu schwammartigen Gebilden verfault.

          Inspektion nach dem Skandal

          Warten auf bessere Zeiten heißt die Devise. Wer sich mit dem Betrachten der neuen Funde entschädigen möchte, hofft umsonst: Die Statuen sind ausgeliehen, der Dreifuß wird im nunmehr dritten Jahr restauriert, und Herculaneums Museum, vor fünfzig Jahren begonnen, wartet noch immer auf seine Eröffnung. Immerhin, dieser Apriltag ist sonnig und klar. Sein Licht erlaubt einen Blick durch die grauschlierigen Glaswände eines seit Jahren geschlossenen Pavillons, in dem eine antike Barke steht, die 1982 kieloben am Strand Herculaneums ausgegraben wurde. Vorbei am jüngeren, auch geschlossenen Pavillon der Cafeteria schaut man auf den Stadtfelsen und dessen Luxusvillen, die römische Patrizier sich in den hundert Jahren vor dem Untergang bauen ließen, um das Meerespanorama zu genießen. Auf halber Höhe schiebt sich eine Terrasse nach vorn, die Marcus Nonius Balbus, dem Ehrenbürger und Wohltäter Herculaneums gewidmet war. Vor Jahren hat man auf ihr sein marmornes Ehrengrab wiederhergestellt, 2008 folgte die ergänzte Ehrenstatue des Patriziers, an diesem Dienstag fixieren Maurer zwei anmutige Putten mit zum Zeichen der Trauer und des Todes nach unten gekehrten Fackeln auf dem Altar; zum ersten Mal seit fast zweitausend Jahren ist das Ensemble wieder vollständig.

          Das dumpfe Dröhnen der Wasserpumpen bricht den Böcklin-Zauber. Es durchdringt die dreißig Meter hohe Mauer aus zu Tuffstein gehärtetem Vesuvschlamm, in den unter ungeheurem technischen Aufwand Räume für die Pumpen gehöhlt wurden. Die Kosten dafür und für die jüngsten Grabungen und Restaurierungen trägt der amerikanische Millionenerbe David Woodley Packard. Seit 2004 arbeitet sein „Herculaneum Conservation Project“ an der Rettung der Welterbestätte. Derzeit konzentriert man sich auf die antike Hauptstraße und deren Triumphbögen, die ihre geborstenen Marmorverkleidungen wiedererhalten.

          Es ist ruhig an diesem Apriltag in Herculaneum, nur einige Schulklassen und zwei Dutzend Touristen sind zu sehen. Heute ist Pompeji wichtiger, wo sich Italiens Kulturminister angesagt hat. Der Besuch ist ein populistischer Reflex auf den jüngsten Pompeji-Skandal: Vor vier Monaten brach nach tagelangen Platzregen die „Domus dei gladiatori“ zusammen, das Klubhaus der paramilitärisch organisierten Söhne der Oberschicht mit Fresken von Prunkrüstungen. Der weit offene Empfangsraum glich einem triumphalen Prospekt.

          Die Wiedereröffnung lässt auf sich warten

          Unterspülte Fundamente wurden als Ursache der Katastrophe angegeben. Der wahre Grund ist jahrzehntelange Vernachlässigung. Davon war auch in den dramatischen Debatten des Parlaments dem Einsturz die Rede. Und davon, dass eine Kommission eingesetzt werden müsse. Dasselbe also wie 2008, als die Regierung sogar den Ausnahmezustand über Pompeji verhängte, einen Sonderkommissar schickte – und alles beim Alten blieb.

          Diesmal scheint man durchzugreifen. Zumindest laut den Erläuterungen des derzeitigen Ausgrabungsleiters Antonio Varrone, der uns bedauernd einen Besuch der Domus dei gladiatori untersagt. Selbst seine Kollegen, erklärt er, dürften auf richterliche Anweisung momentan die Baustelle nicht betreten. Wir fragen nach der Casa dei Vettii, Pompejis Glanzstück, 1906 ausgegraben, perfekt instandgesetzt, seit 2008 wegen Restaurierung geschlossen. Varrone bedauert abermals.

          Wir geben auf und beschließen einen Normalbesuch. Statt des Eingangs am Amphitheater, wo seit 2009 zwei banal futuristische, zu unerfindlichen Zwecken gebaute, ungenutzte und spektakulär verdreckte Glasröhren sich spreizen, wählen wir den Zutritt an der Porta Marina, dem ehemaligen Seehafen-Tor. Hier bietet Pompeji einen hinreißenden Anblick, türmt sich hinauf zu dem dreißig Meter hohen Lavafelsen, auf dem die Stadt um 600 vor Christus entstand. Momentan ist der Anblick noch erhebender: Auf der mächtigen, antiken Stadtmauer flirrt weiß die renovierte Fassade des Antiquariums. Pompejis Museum, 1861 errichtet, 1943 zerbombt, 1948 restauriert und vor 33 Jahren „vorübergehend“ geschlossen, zitiert die einstigen Prachtfassaden der Villa Imperiale, eines den Kaiservillen des Palatin ebenbürtigen Palasts, auf dessen Fundamenten das Museum steht.

          Für 2010 war seine Wiedereröffnung angekündigt. Nun heißt es, sie werde Ende 2011 erfolgen. Mag sein, dass die aktuellen Leitungswechsel verzögernd wirkten: 2009 ging Pietro Giovanni Guzzo, der langjährige umsichtige Sopreintendente, in Pension. Ihm folgten, weil keine Vorsorge für die Nachfolge getroffen worden war, sage und schreibe vier kommissarische Leiter, seit wenigen Wochen ist Teresa Cinquataquattro hier offizielle Leiterin. Wir heißen uns hoffen.

          Ein Schock folgt dem anderen

          Vorbei am Antiquarium geht es zum Forum. An seiner Rückseite ist die Cafeteria nach eineinhalbjähriger Schließung – infolge Streitigkeiten zwischen den Pächtern – wieder geöffnet. Sie ist, samt Toiletten, die einzige auf dem riesigen Gelände. Neuer Pächter ist eine auf Autobahnraststätten spezialisierte Restaurantkette. Dementsprechend ist die Gestaltung: Statt des rührenden Kitschs der fünfziger Jahre, der Bezug auf die antiken Innenräume nahm, umfängt einen nun schnittig öde „corporate identity“.

          Wir gehen zur Via dell’ Abondanza, der Hauptstraße Pompejis. Guzzo hat ihre Fassaden während seiner letzten Amtsjahre restaurieren lassen. Glanzstücke sind die Casa di Giulio Polibio und die Casa dei Casti Amanti, weitläufige Patrizierhäuser, die man seit den achtziger Jahren erforscht und nun zu Mustern antiker Wohn- und Lebenskultur hergerichtet hat. Prägnante Schautafeln, ansprechend gestaltete Laufstege, die die kostbaren Bodenmosaike schützen, wiederbepflanzte Peristyle (Ziergärten) – ein Traum, die zu besichtigen. Doch beide Häuser sind gesperrt.

          Der nächste Schock wartet im Theaterviertel. Nach griechischem Vorbild ist es ein wunderbar harmonisches Ensemble aus einem Herakles-Tempel, einem großen Freilufttheater und einem überdachten kleineren Theater (Odeion) samt elegant weitem Säulenhof. Im großen Theater entstand 1972 das legendäre Album „Pink Floyd in Pompeji“. Als weitere Rockkonzerte und ihre Besuchermassen verheerende Schäden angerichtet hatten, wurde auf lukrative Spektakel verzichtet. Seit 2010 sind klassische Konzerte erlaubt. Richten sie weniger Schaden an? Die Folge: Die antiken Sitzreihen sind mit Zement-Provisorien überdeckt, in den Nischen des Säulenhofs stehen dicht an dicht senfbraungelbe ordinäre Container.

          Verheerende Zustände

          Hinter den Stabianer Thermen – frisch restauriert, unzugänglich – werfen wir einen Blick in die Gasse, die zum Lupanar führt, einem der Bordelle Pompejis, wegen seiner pornographischen Fresken seit je ein Publikumsmagnet, 2006 mit enormem finanziellem Aufwand in Windeseile restauriert und sofort wieder geöffnet. Die Schlange der wartenden Besucher ist etwa hundert Meter lang; die angrenzenden antiken Häuser sind in verheerendem Zustand.

          Dann das weiträumig abgesperrte Grundstück der Casa di Gladiatori: Der Schutt ist beseitigt, die großen Bruchstücke liegen noch immer wie im November 2010. Im Hintergrund, auf dem Hügel der noch unausgegrabenen Viertel, wuchert der monströse Beton-Rohbau einer ebenerdigen Riesenhalle. Ihr künftiger Zweck ist so unklar wie der jener Glas-Metall-Halle, die, 2020 vollendet, am anderen Ende Pompejis leer verrrostet. Auskunft könnten allenfalls Vertreter der bis zum Stumpfsinn lethargischen Bürokratie geben – oder Mitglieder der Camorra.

          Vergebliche Klagen

          Kurz nach dem Besuch des Kulturministers wiederholte Icomos auf seiner jährlichen Tagung zum x-ten Male die Klage, Pompeji sei eine der meistgefährdeten Welterbestätten und mahnte energisches Eingreifen der italienischen Regierung an. Sie – vulgo Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Kulturminister Sandro Bondi – hat schon im November erläutert, worin sie die bessere Zukunft sieht: Beide befürworteten partielle Privatisierung und Kommerzialisierung. Trotz aller großartigen Siege von Packards Herculaneum-Projekt: Die aktuellen Schändungen Pompejis im Namen des Profits zeigen, wohin dies führt.

          15. April, der letzte Tag in Pompeji. Vor den Dionysos-Fresken der Villa di Misteri, einem der beiden einzigen lebensgroßen Gemäldezyklen, die aus der Antike erhalten sind, zuckt das übliche Blitzlichtgewitter. Nur Zureden verhindert eine Schlägerei zwischen einem besonders ausdauernd blitzenden amerikanischen Touristen und einer Landsmännin, die ihm, was ihn in Rage bringt, energisch die schädliche Wirkung erklärt. Die Aufseher bemerken nichts. Sie stehen, vier von insgesamt dreihundert (viel zu wenigen), die jede zusätzliche Neueinstellung boykottieren, ins Gespräch vertieft in der Sonne. Dieselbe Gleichgültigkeit kennzeichnet den Msyterien-Saal: Seine weiß-gelb bepinselte Betondecke zeigt Feuchtflecken, Schutz seine offenen Vorderseite ist eine verrottete uralte Sprossentür.

          Poempeji lebt, steht überall zu lesen. Vor den Toren kaufen wir Colomba, den traditionellen hiesigen Osterkuchen in Taubenform. Im antiken Pompeji, so belegen Backformen, gab es ähnliches Gebäck.

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