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Der Verfall von Pompeji : Wartet nicht auf bess’re Zeiten

  • -Aktualisiert am

Einst waren die ausgegrabenen Vesuvstädte Pompeji und Herculaneum Zeitkapseln. Heute ist ihre Rettung ein Wettlauf mit der Zeit. Doch der italienische Staat schickt lieber Sponsoren ins Rennen.

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          Das charakteristische Pompejanisch-Rot ist so intensiv, dass man die wohlige Sommerhitze Kampaniens zu spüren glaubt. Wäre da nicht die kühle Feuchte im Raum, die frösteln macht. So steht man, die Füße im Schlamm, zu dem sich die steinharte Verschüttungsmasse beim Kontakt mit Wasser auflöst, und staunt einen kleinen Salon (Oecus) der weltberühmten Villa di Papiri in Herculaneum an. Es ist Dienstag, der 12. April. Der Oecus wurde 2009 freigelegt. Gesehen hat ihn, außer Archäologen, noch niemand. Dabei ist er faszinierender als drei Stunden Zeitreise im übrigen Herculaneum: Grazile gemalte Papyrusstengel rahmen Bildfelder, in denen fliegende Putti, Faune und sublime Veduten wechseln. Über einem mehrteiligen Gesims folgt ein Tonnengewölbe. Seine unteren Ränder zieren Stuck-Kassetten mit Fabeltieren und Orientalismen, darüber ein Waffenfries – Harnische, Äxte, Schilde, Schwerter, Helme in klassischem Weiß. Den Scheitel füllen weitere Kassetten. Alle Farben leuchten frisch, als seien sie gestern aufgetragen.

          Was uns anmutet wie der Höhepunkt der einstigen Residenz der Pisonen (ihr Oberhaupt war Caesars Schwiegervater), war zu Lebzeiten Herculaneums Beiwerk. Denn der Oecus ist einer von sieben gleichgroßen, die sich auf eine säulengesäumte Terrasse mit Meeresblick öffneten. Ihr Zentrum war höchstwahrscheinlich ein noch verschütteter Prunksaal.

          Etwa ein Zehntel dieser einzigartigen, 1750 durch Stollen von dem Schweizer Bergbauingenieur Karl Weber erkundeten Villa ist heute freigelegt. Als man sich 1992 zur Freilegung entschloss, rechnete niemand auf mehr als die elegante Architektur. Denn Weber hatte achtzig Bronze- und Marmorstatuen geborgen – die bislang reichste bekannte Kunstsammlung der römischen Antike. Umso größer das Staunen, als sich weitere erlesene Skulpturen und drei zusätzliche, von Herculaneums Steilküste bis zum zehn Meter tiefer gelegenen Strand reichende Geschosse fanden. 2007 stieß man auf den bisher aufsehenerregendsten Fund: einen hölzernen Dreifuß mit atemberaubend kunstvollen Elfenbeinreliefs des altorientalischen Attis-Mythos.

          Fraß der Fäulnis

          Die untere Terrasse, auf der dieser Dreifuß ehedem stand, ist übersät mit Trümmern der oberen Geschosse. An ihrem Rand schäumt ein Bach. Er bricht bei dem Oecus aus einem halbverschütteten Stuckrelief, bahnt sich seinen Weg längs der einstigen Arkaden nach unten, wo er in einer sumpfigen Spalte verschwindet. Unser Führer zuckt fatalistisch die Achseln: Gegen das Wasser ist kein Ankommen, schließlich liegt Herculaneum unterhalb des heutigen Meeresspiegels. Die Lawine des Vesuvausbruchs begrub die damalige Steilküste und schuf vierhundert Meter vor ihr und vier Meter höher eine neue.

          Die überdachte Strandterrasse hielt den tonnenschweren Wandteilen stand, die von der Wucht der Lawine am 25. August 79 aus zehn Metern Höhe nach unten geschmettert wurden. Sie bilden ein heilloses Durcheinander, aus dem – man denkt unwillkürlich an die vom Tsunami geschundenen Küstenstädte Japans – geborstene Eichenbalken und Marmorplatten ragen. Der Unterschied zum unversehrten Oecus könnte krasser kaum sein.

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