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Der Verfall von Pompeji : Wartet nicht auf bess’re Zeiten

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Der nächste Schock wartet im Theaterviertel. Nach griechischem Vorbild ist es ein wunderbar harmonisches Ensemble aus einem Herakles-Tempel, einem großen Freilufttheater und einem überdachten kleineren Theater (Odeion) samt elegant weitem Säulenhof. Im großen Theater entstand 1972 das legendäre Album „Pink Floyd in Pompeji“. Als weitere Rockkonzerte und ihre Besuchermassen verheerende Schäden angerichtet hatten, wurde auf lukrative Spektakel verzichtet. Seit 2010 sind klassische Konzerte erlaubt. Richten sie weniger Schaden an? Die Folge: Die antiken Sitzreihen sind mit Zement-Provisorien überdeckt, in den Nischen des Säulenhofs stehen dicht an dicht senfbraungelbe ordinäre Container.

Verheerende Zustände

Hinter den Stabianer Thermen – frisch restauriert, unzugänglich – werfen wir einen Blick in die Gasse, die zum Lupanar führt, einem der Bordelle Pompejis, wegen seiner pornographischen Fresken seit je ein Publikumsmagnet, 2006 mit enormem finanziellem Aufwand in Windeseile restauriert und sofort wieder geöffnet. Die Schlange der wartenden Besucher ist etwa hundert Meter lang; die angrenzenden antiken Häuser sind in verheerendem Zustand.

Dann das weiträumig abgesperrte Grundstück der Casa di Gladiatori: Der Schutt ist beseitigt, die großen Bruchstücke liegen noch immer wie im November 2010. Im Hintergrund, auf dem Hügel der noch unausgegrabenen Viertel, wuchert der monströse Beton-Rohbau einer ebenerdigen Riesenhalle. Ihr künftiger Zweck ist so unklar wie der jener Glas-Metall-Halle, die, 2020 vollendet, am anderen Ende Pompejis leer verrrostet. Auskunft könnten allenfalls Vertreter der bis zum Stumpfsinn lethargischen Bürokratie geben – oder Mitglieder der Camorra.

Vergebliche Klagen

Kurz nach dem Besuch des Kulturministers wiederholte Icomos auf seiner jährlichen Tagung zum x-ten Male die Klage, Pompeji sei eine der meistgefährdeten Welterbestätten und mahnte energisches Eingreifen der italienischen Regierung an. Sie – vulgo Ministerpräsident Silvio Berlusconi und Kulturminister Sandro Bondi – hat schon im November erläutert, worin sie die bessere Zukunft sieht: Beide befürworteten partielle Privatisierung und Kommerzialisierung. Trotz aller großartigen Siege von Packards Herculaneum-Projekt: Die aktuellen Schändungen Pompejis im Namen des Profits zeigen, wohin dies führt.

15. April, der letzte Tag in Pompeji. Vor den Dionysos-Fresken der Villa di Misteri, einem der beiden einzigen lebensgroßen Gemäldezyklen, die aus der Antike erhalten sind, zuckt das übliche Blitzlichtgewitter. Nur Zureden verhindert eine Schlägerei zwischen einem besonders ausdauernd blitzenden amerikanischen Touristen und einer Landsmännin, die ihm, was ihn in Rage bringt, energisch die schädliche Wirkung erklärt. Die Aufseher bemerken nichts. Sie stehen, vier von insgesamt dreihundert (viel zu wenigen), die jede zusätzliche Neueinstellung boykottieren, ins Gespräch vertieft in der Sonne. Dieselbe Gleichgültigkeit kennzeichnet den Msyterien-Saal: Seine weiß-gelb bepinselte Betondecke zeigt Feuchtflecken, Schutz seine offenen Vorderseite ist eine verrottete uralte Sprossentür.

Poempeji lebt, steht überall zu lesen. Vor den Toren kaufen wir Colomba, den traditionellen hiesigen Osterkuchen in Taubenform. Im antiken Pompeji, so belegen Backformen, gab es ähnliches Gebäck.

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