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Der Verfall von Pompeji : Wartet nicht auf bess’re Zeiten

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Unterspülte Fundamente wurden als Ursache der Katastrophe angegeben. Der wahre Grund ist jahrzehntelange Vernachlässigung. Davon war auch in den dramatischen Debatten des Parlaments dem Einsturz die Rede. Und davon, dass eine Kommission eingesetzt werden müsse. Dasselbe also wie 2008, als die Regierung sogar den Ausnahmezustand über Pompeji verhängte, einen Sonderkommissar schickte – und alles beim Alten blieb.

Diesmal scheint man durchzugreifen. Zumindest laut den Erläuterungen des derzeitigen Ausgrabungsleiters Antonio Varrone, der uns bedauernd einen Besuch der Domus dei gladiatori untersagt. Selbst seine Kollegen, erklärt er, dürften auf richterliche Anweisung momentan die Baustelle nicht betreten. Wir fragen nach der Casa dei Vettii, Pompejis Glanzstück, 1906 ausgegraben, perfekt instandgesetzt, seit 2008 wegen Restaurierung geschlossen. Varrone bedauert abermals.

Wir geben auf und beschließen einen Normalbesuch. Statt des Eingangs am Amphitheater, wo seit 2009 zwei banal futuristische, zu unerfindlichen Zwecken gebaute, ungenutzte und spektakulär verdreckte Glasröhren sich spreizen, wählen wir den Zutritt an der Porta Marina, dem ehemaligen Seehafen-Tor. Hier bietet Pompeji einen hinreißenden Anblick, türmt sich hinauf zu dem dreißig Meter hohen Lavafelsen, auf dem die Stadt um 600 vor Christus entstand. Momentan ist der Anblick noch erhebender: Auf der mächtigen, antiken Stadtmauer flirrt weiß die renovierte Fassade des Antiquariums. Pompejis Museum, 1861 errichtet, 1943 zerbombt, 1948 restauriert und vor 33 Jahren „vorübergehend“ geschlossen, zitiert die einstigen Prachtfassaden der Villa Imperiale, eines den Kaiservillen des Palatin ebenbürtigen Palasts, auf dessen Fundamenten das Museum steht.

Für 2010 war seine Wiedereröffnung angekündigt. Nun heißt es, sie werde Ende 2011 erfolgen. Mag sein, dass die aktuellen Leitungswechsel verzögernd wirkten: 2009 ging Pietro Giovanni Guzzo, der langjährige umsichtige Sopreintendente, in Pension. Ihm folgten, weil keine Vorsorge für die Nachfolge getroffen worden war, sage und schreibe vier kommissarische Leiter, seit wenigen Wochen ist Teresa Cinquataquattro hier offizielle Leiterin. Wir heißen uns hoffen.

Ein Schock folgt dem anderen

Vorbei am Antiquarium geht es zum Forum. An seiner Rückseite ist die Cafeteria nach eineinhalbjähriger Schließung – infolge Streitigkeiten zwischen den Pächtern – wieder geöffnet. Sie ist, samt Toiletten, die einzige auf dem riesigen Gelände. Neuer Pächter ist eine auf Autobahnraststätten spezialisierte Restaurantkette. Dementsprechend ist die Gestaltung: Statt des rührenden Kitschs der fünfziger Jahre, der Bezug auf die antiken Innenräume nahm, umfängt einen nun schnittig öde „corporate identity“.

Wir gehen zur Via dell’ Abondanza, der Hauptstraße Pompejis. Guzzo hat ihre Fassaden während seiner letzten Amtsjahre restaurieren lassen. Glanzstücke sind die Casa di Giulio Polibio und die Casa dei Casti Amanti, weitläufige Patrizierhäuser, die man seit den achtziger Jahren erforscht und nun zu Mustern antiker Wohn- und Lebenskultur hergerichtet hat. Prägnante Schautafeln, ansprechend gestaltete Laufstege, die die kostbaren Bodenmosaike schützen, wiederbepflanzte Peristyle (Ziergärten) – ein Traum, die zu besichtigen. Doch beide Häuser sind gesperrt.

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