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Der Verfall von Pompeji : Wartet nicht auf bess’re Zeiten

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Und doch bezeugt auch dieser Raum das Dilemma der antiken Stätte: Im seinem unteren Drittel, das womöglich noch Mobiliar und Statuetten birgt, musste man den erstarrten Schlamm als Stütze stehen lassen. Ohne ihn würde das Gewicht der oberen Verschüttung den Oecus zusammenbrechen lassen. Auch die Pumpen, die ringsum das Grundwasser abhalten, konnten nicht installiert werden – ein Austrocknen ließe den Stuck und die Fresken sofort zerbröseln. Die rettende Feuchtigkeit aber ist zugleich Verderben. Denn die Bretter, die das Gewölbe vor den Stangen eines stützenden Metallgerüsts schützen, sind zu schwammartigen Gebilden verfault.

Inspektion nach dem Skandal

Warten auf bessere Zeiten heißt die Devise. Wer sich mit dem Betrachten der neuen Funde entschädigen möchte, hofft umsonst: Die Statuen sind ausgeliehen, der Dreifuß wird im nunmehr dritten Jahr restauriert, und Herculaneums Museum, vor fünfzig Jahren begonnen, wartet noch immer auf seine Eröffnung. Immerhin, dieser Apriltag ist sonnig und klar. Sein Licht erlaubt einen Blick durch die grauschlierigen Glaswände eines seit Jahren geschlossenen Pavillons, in dem eine antike Barke steht, die 1982 kieloben am Strand Herculaneums ausgegraben wurde. Vorbei am jüngeren, auch geschlossenen Pavillon der Cafeteria schaut man auf den Stadtfelsen und dessen Luxusvillen, die römische Patrizier sich in den hundert Jahren vor dem Untergang bauen ließen, um das Meerespanorama zu genießen. Auf halber Höhe schiebt sich eine Terrasse nach vorn, die Marcus Nonius Balbus, dem Ehrenbürger und Wohltäter Herculaneums gewidmet war. Vor Jahren hat man auf ihr sein marmornes Ehrengrab wiederhergestellt, 2008 folgte die ergänzte Ehrenstatue des Patriziers, an diesem Dienstag fixieren Maurer zwei anmutige Putten mit zum Zeichen der Trauer und des Todes nach unten gekehrten Fackeln auf dem Altar; zum ersten Mal seit fast zweitausend Jahren ist das Ensemble wieder vollständig.

Das dumpfe Dröhnen der Wasserpumpen bricht den Böcklin-Zauber. Es durchdringt die dreißig Meter hohe Mauer aus zu Tuffstein gehärtetem Vesuvschlamm, in den unter ungeheurem technischen Aufwand Räume für die Pumpen gehöhlt wurden. Die Kosten dafür und für die jüngsten Grabungen und Restaurierungen trägt der amerikanische Millionenerbe David Woodley Packard. Seit 2004 arbeitet sein „Herculaneum Conservation Project“ an der Rettung der Welterbestätte. Derzeit konzentriert man sich auf die antike Hauptstraße und deren Triumphbögen, die ihre geborstenen Marmorverkleidungen wiedererhalten.

Es ist ruhig an diesem Apriltag in Herculaneum, nur einige Schulklassen und zwei Dutzend Touristen sind zu sehen. Heute ist Pompeji wichtiger, wo sich Italiens Kulturminister angesagt hat. Der Besuch ist ein populistischer Reflex auf den jüngsten Pompeji-Skandal: Vor vier Monaten brach nach tagelangen Platzregen die „Domus dei gladiatori“ zusammen, das Klubhaus der paramilitärisch organisierten Söhne der Oberschicht mit Fresken von Prunkrüstungen. Der weit offene Empfangsraum glich einem triumphalen Prospekt.

Die Wiedereröffnung lässt auf sich warten

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