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Apartmentsiedlung Interlace : Der Turmherr aus Karlsruhe

  • -Aktualisiert am

Tolkiens weiße Stadt Minas Tirith auf dem Boden der Tatsachen von Singapur: Die von dem deutschen Architekten Ole Scheeren entworfene Apartmentsiedlung Interlace beeindruckt die ganze Welt.

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          Als das postmoderne Bauen in den neunziger Jahren zur architektonischen Seifenoper verkam und zugrunde ging, hinterließ es immerhin ein fruchtbares Erbe: die Lust an anmutungsreichen und markanten Gebäuden. Anfangs wurde sie überstrahlt vom Erfolg der rüden High-tech-Gebilde, die erfrischende Gegenbilder zum Chichi der Postmoderne, Architekten wie Rem Koolhaas, Norman Foster oder Renzo Piano zu internationalen Stars machten. So fand das zwischen Einst und Jetzt, klassischer Säule und rauem Stahlträger changierende postpostmoderne Bauen zunächst Zuflucht im Film: Von Peter Jacksons Tolkien-Trilogie bis zu James Camerons „Avatar“ präsentierten Riesenleinwände rund um den Globus faszinierende Zwittergebilde, in denen technoide Skylines und urzeitliche Festungen, Konstantinopel und Manhattan, eins wurden.

          Sechs Jahre, nachdem Millionen Kinogängern Tolkiens Minas Tirith, die hochgetürmte „Weiße Stadt“, als suggestive Mischung aus Hal Fosters alabasternem Camelot und den bizarren Hochhaus-Oasen der Golfstaaten präsentiert worden war, wurde 2008 in Peking anlässlich der Olympischen Sommerspiele das chinesische Nationalstadion eröffnet. Der Mega-Bau, entworfen vom Schweizer Duo Herzog & de Meuron und dank seiner schillernden biomorphen Struktur sofort „Vogelnest“ genannt, wurde schlagartig weltberühmt. Ihm folgte 2009 der nächste, ebenso rasch berühmte Coup - Pekings China Central Television Headquarters.

          Tolkien-Anhänger mögen in dem megalomanen Miteinander zweier extrem schräger Vierkante, die sich am oberen Ende in einem rasant auskragenden rechten Winkel vereinen, das abstrahierte Abbild eines Trolls oder Orks sehen. Doch auch nüchtern betrachtet, bleibt genug Bildmächtiges: Das Sendezentrum ist die eindrucksvolle Chiffre unseres telematischen Zeitalters, Architektur gewordene Anmutung, geläutert und entschlackt im Fegefeuer des aktuellen Hightech.

          Architekt dieses Gebildes ist der gebürtige Karlsruher Ole Scheeren. Als Juniorpartner von Rem Koolhaas hatte er dessen Hang zum Purismus, zu fast gewalttätigen großen Gesten und zu Zeichenhaftigkeit übernommen. Dass er, der seit 2010 sein eigenes Büro leitet, dabei der Gefahr entging, zum Formalisten zu werden, bezeugt sein neuestes Projekt The Interlace, eine Siedlung, die er als „Stadt in der Stadt“ in Singapur errichtet hat.

          Ein skulpturaler Baukörper

          Hiesige ältere Jahrgänge werden beim ersten Blick an die betontristen Trabantenstädte der siebziger Jahre denken. Die Bürger und die Bauherren samt den Bewohnern von Interlace dagegen wussten vom ersten Augenblick an, dass mit Interlace im Stadtstaat Singapur Neuland geschaffen würde, das nichts mit den üblichen Massenpferchen der Megacitys zu tun hat: Wer das Ensemble unbefangen anschaut, bemerkt als Erstes das trotz aller Monumentalität spielerisch-anmutige, behutsame Verschachteln und einander Überkreuzen der Baukörper; „kommunale Dorfstruktur“ nennt Scheeren das. Einige der Einzelbauten stehen auf massiven ellipsoiden Stützen, andere scheinen, dabei mehrere Nachbarn durchstoßend, zu schweben. An den Kreuzungspunkten werden großzügige Dachgärten sichtbar, in den unteren Bereichen nutzte der Architekt die Überschneidungen für üppig begrünte Innenhöfe samt Wasserspielen, Bassins und kleinen Kanälen.

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