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Der Restaurator von Heiligendamm : „Heute weiß keiner mehr, was Logik ist“

  • -Aktualisiert am

Wer ist Anno August Jagdfeld, der Mann, der Heiligendamm wieder hergerichtet hat? Er präsentiert sich als rheinischer Patrizier und lobt die Achtundsechziger. Als Vorbild nennt er den römischen Konsul Brutus. Der Austragungsort des Gipfeltreffens ist für ihn ein „geradezu utopischer Ort“.

          Dass dem G-8-Gipfel die klassische Kulisse des Ostseebads Heiligendamm zur Verfügung steht, ist einem Mann zu verdanken, der mit Visionen und Versprechen Handel treibt: Anno August Jagdfeld. Fünf Jahre lang lag die heruntergekommene Hotelanlage nach der Wiedervereinigung brach und schreckte alle Interessenten ab. Der rheinische Immobilienmakler wusste sich die demolierte Schönheit der klassizistischen Gebäude aus seinen Griechischbüchern zu ergänzen und griff furchtlos zu.

          Als Meister der Wortmalerei, der mit wenigen Strichen herrliche Aussichten evoziert, erweist sich Jagdfeld auch, wenn er aus dem eigenen Leben erzählt. Als Sohn einer Schreinerfamilie kam er 1946 bei Jülich zur Welt. Die zum kühnen Bauen erforderliche Phantasie weckten die „herrlichen Spielgelegenheiten“ in heimischen Trümmergrundstücken. Im Elternhaus hingegen herrschte das Realitätsprinzip, denn die großväterliche Schreinerei wurde weitsichtig auf den väterlichen Möbelhandel umgestellt. Jagdfelds spätere Aktivitäten knüpften die mit dem Wohnen verbundene Wertschöpfungskette weiter. Schon als er während des Kölner BWL-Studiums Appartements verkaufte, nahm er „mehr ein als der bestverdienende Professor“. Den Gewinn investierte er in den eigenen Wohnungsbau, um 1981 mit der Gründung der Fundus Fonds Verwaltungen GmbH in einen Kapitalmarkt einzusteigen, der Supermärkte, Einkaufszentren und ganze Wohnanlagen finanziert.

          „Und dann läuft auch alles hysterisch ab“

          Väter- und großväterlicherseits wurde der junge Jagdfeld von einem jovialen, rheinländisch gutmütigen Geist geprägt, die geschäftstüchtige Großmutter war streng katholisch, nahm den Dreijährigen zur Sonntagsmesse mit und weckte seinen Stolz durch den Hinweis auf die geschnitzte Kanzel: eine Stiftung der Familie. Mit den Kirchbesuchen verbindet der Jülicher barocke Üppigkeit, ein Blumenmeer und schöne Musik. Obwohl Anno August als älterer von zwei Söhnen als Unternehmenserbe vorgesehen war, schickte ihn die Familie auf ein Klosterinternat: „Man hatte schon Ehrgeiz und Ziele. Es sollte endlich einmal einer in der Familie studieren.“

          Im Internat erwartete den Zehnjährigen ein straffes Regiment mit frühem Aufstehen, regelmäßigen Andachten, schweigsamen Studierstunden und klassischen Bildungsinhalten: „Damals ging als hehres Ziel noch der Universalgebildete um, man sollte breit aufgestellt sein.“ Doch auch auf bundesrepublikanische Sachlichkeit bereiteten analytische Denkübungen vor: „Heute weiß keiner mehr, was Logik ist. Sie besteht in der Schlussfolgerung aus zwei vorangehenden Sätzen.“ Eine deutliche Aversion meldet der Investor emotionalen Geschäftspraktiken gegenüber an: „Das Unternehmer- und Politikersein besteht im Wesentlichen darin, richtige Entscheidungen zu fällen und vernünftig zu handeln. Viele Menschen sind hysterisch oder von Anti- und Sympathien getrieben. Und dann läuft auch alles hysterisch ab.“ Jagdfeld beruft sich auf Brutus, den römischen Konsul, der die Todesstrafe stoisch auch über die eigenen Söhne verhängte. „So weit würde ich natürlich nicht gehen, aber man sollte das Prinzip, das auch unserer Demokratie zugrunde liegt, nicht allzu sehr vernachlässigen.“

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