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Christo zum Achtzigsten : Nennt mich nicht Verpackungskünstler!

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Die Verhüllung des Reichstags machte ihn in Deutschland zum Star, dennoch wird er ungern auf einen seiner größten Erfolge angesprochen: Christo wird achtzig Jahre alt

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          Wer zu Christo auf den Geburtstag eingeladen wird, den könnte folgende ungewöhnliche Frage plagen: Wie verpacke ich denn nun mein Geschenk? Und später könnte dann die unangenehme Situation eintreten, dass eben diese Überlegung den Zorn des Hausherrn erregt. Kaum etwas kann der Künstler nämlich weniger ausstehen, als auf das Verpacken angesprochen zu werden oder gar als „Verpackungskünstler“ bezeichnet zu werden. Warum nicht? „Weil es eine grobe Vereinfachung ist!“, so Christo in einem Interview im vergangenen Jahr. Er habe schon lange nichts mehr verpackt, auch das berühmte Reichstag-Projekt in Berlin sei bereits 1971 geplant gewesen.

          Realisiert wurde es erst gut zwei Jahrzehnte später, im Jahr 1995; es kamen fünf Millionen Besucher, um es zu besichtigen. In Deutschland war es Christos größter Hit, und mit vielen erfolgreichen Musikern teilt er nun die Abneigung dagegen, immer wieder auf den berühmtesten Titel angesprochen zu werden.

          Keine Verpackung, aber viel Stoff

          Wenn Christo über seine jüngsten Projekte berichtet, spricht er weiter von „wir“. Mit seiner Frau Jeanne-Claude bildete er seit den sechziger Jahren ein Team. Geboren wurden beide am selben Tag im selben Jahr, am 13. Juni 1935. Sie, die in Casablanca zur Welt kam, starb jedoch vor sechs Jahren. Damit trat das ein, was der Künstler als das größte mögliche Unglück für sich bezeichnet hatte: seine Frau oder das Augenlicht zu verlieren.

          Trotzdem: An den Projekten, die beide gemeinsam begonnen haben, wird auf Hochtouren weitergearbeitet. Mit Verpacken haben diese nichts zu tun, mit viel Stoff allerdings schon. Über den Fluss Arkansas im amerikanischen Bundesstaat Colorado sollen Stoffbahnen gespannt werden, silbrig-glänzend, wie ein Geisterfluss den Windungen folgend. Die Planungen für „Over the River“ reichen in das Jahr 1992 zurück, eine Strecke von elf Kilometern soll bewältigt werden, und wie immer steckt der zeitaufwendigste Teil der Arbeit in der Vorbereitung: Briefe an Behörden, Rechtsanwälte, Politiker und Umweltverbände, Verhandlungen, Gespräche mit Banken, der Finanzierungsplan. Jedes vollendete Werk gleicht in dieser Hinsicht einem Pilz. Wenn der sich aus der Erde bohrt, um für kurze Zeit sein buntes Schirmchen aufzuspannen, dann schöpft er seine Kraft ebenfalls aus einem großen unterirdischen Netzwerk von Wurzeln, die für unser Auge unsichtbar sind.

          Die Unabhängigkeit hat großen Wert

          Dass er Künstler werden wollte, wusste Christo bereits als Jugendlicher. Geboren wurde Christo Vladimiroff Javacheff in Gabrovo in Bulgarien, nach dem Abitur schrieb er sich in Sofia an der Kunstakademie ein. Bis 1931 hatte seine Mutter als Generalsekretärin die Kunstakademie in Sofia geleitet, ein Posten, von dem sie zurücktrat, als sie heiratete - eben den Chemiefabrikanten, der Christos Vater wurde. Als das russische Militär 1956 in Prag einrückte, um den Aufstand niederzuschlagen, floh der Künstler in den Westen. Er lebte erst in Wien, dann in der Schweiz, schließlich in Paris, später in New York.

          Die Gigantomanie vieler Projekte kann mitunter den Atem rauben. Auf eines hat das Künstlerduo jedoch von Anfang an Wert gelegt: die Unabhängigkeit. Egal, welchen Stoff sie im Wind flattern lassen oder in welche Plastikhülle sie ganze Inseln stecken - bezahlt wird alles aus eigener Hand. Keine Auftragsarbeiten werden angenommen und Sponsoren abgewiesen. Am morgigen Sonntag wird Christo achtzig Jahre alt.

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