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Der Papst und die Kunst : Ihr seid die Hüter des Schönen

Um die „Freundschaft zwischen Kirche und Kunst zu erneuern“, lud der Papst 260 Künstler in die Sixtinische Kapelle ein. Als „Hüter der Schönheit“ nahm er seine Gäste, darunter Daniel Libeskind, Peter Stein und Terence Hill, in die theologische Pflicht.

          „Der Glaube nimmt nichts von eurem Genius, eurer Kunst weg.“ An welchem Ort könnte diese versöhnende Botschaft Papst Benedikts XVI. an die Künstler einleuchtender klingen als in der Sixtinischen Kapelle? Dorthin hatte der deutsche Papst 260 Architekten, Bildhauer, Maler, Komponisten, Schriftsteller, Regisseure und Schauspieler aus aller Welt am Samstag eingeladen, um die „Freundschaft zwischen Kirche und Kunst zu erneuern“. Dass es um diese nicht mehr zum Besten bestellt ist, weiß man nicht erst, seit Picasso sich gegenüber Paul VI. weigerte, einige seiner Werke in den Vatikanischen Museen auszustellen.

          Thomas Jansen

          Redakteur in der Politik.

          „Wir brauchen euch“, hatte Paul VI., der 1973 die Sammlung für moderne Kunst in den Vatikanischen Museen gründete, den Künstlern vor fünfundvierzig Jahren zugerufen. Benedikt XVI. wiederholte jetzt diesen Appell. Wo Paul VI. im Mai 1964 noch fast ausschließlich mit italienischen Künstlern eine Messe in der Sixtina gefeiert hatte, zog Benedikt XVI. den Kreis der Gäste deutlich weiter. Er beschränkte sich auf ein liturgisches Minimalprogramm aus Ansprache und Segen.

          Keine vorschnelle Vereinnahmung

          Schon im Vorhinein hatte Erzbischof Gianfranco Ravasi, der Präsident des Päpstlichen Kulturrates, versichert, dass die Zusammenkunft kein Assessmentcenter für Dombauherren und Gesangbuchkomponisten werden sollte. Nicht der Taufschein, sondern das Werkverzeichnis war nach seinen Angaben das Kriterium für eine Einladung. Endlich hinter sich lassen wollte man das geradezu protestantisch anmutende Ignorieren der Werkgerechtigkeit nach dem Motto: Kein Picasso, aber Hauptsache ein strammer Katholik! Für Katholiken, die nie recht begreifen konnten, warum sie vier christliche Popmusiker, die das Apostolische Glaubensbekenntnis für Stromgitarre und Schlagzeug vertonen, partout besser finden sollten, als die Beatles, die einem indischen Guru hinterherliefen und Erdbeerfelder besangen, ist dieser Kurswechsel eine erleichternde Botschaft.

          Ravasi hob zudem hervor, dass der Heilige Stuhl ein behutsames und langfristiges Gespräch über existenzielle Fragen zwischen Kunst und Kirche suche. Keine vorschnelle Vereinnahmung also. Dies kann als eine Distanzierung von jener Gruppe von Intellektuellen und Künstlern verstanden werden, die den Papst unlängst zur Erneuerung einer „katholischen“ Kunst aufgerufen hatte. Prominentester Unterzeichner war der deutsche Schriftsteller Martin Mosebach. In der Sixtinischen Kapelle war er am Samstag nicht anwesend.

          Musste Palestrina gesungen werden?

          Dort saßen der Architekt Daniel Libeskind und seine Kollegin Zaha Hadid, deren Nationalmuseum der Künste des einundzwanzigsten Jahrhunderts in Rom gerade eingeweiht worden ist, die Komponisten Arvo Pärt und Ennio Morricone und der Schauspieler Terence Hill, in dessen Werkverzeichnis sich der Film „Vier Fäuste für ein Halleluja findet. Wegen musikalischer Verpflichtungen abgesagt hatten Daniel Barenboim und der Popstar Bono. Aus Deutschland angereist waren der Regisseur Peter Stein, der Schriftsteller Uwe Timm, der Filmemacher Philip Gröning, der Videokünstler Christoph Brech, der Elektromusiker Carsten Nicolai sowie die Witwe und die Tochter des vor zwei Jahren verstorbenen Architekten Oswald Mathias Ungers. Der Anteil der italienischen Künstler fiel zwar deutlich geringer aus als noch 1964, gleichwohl kann man feststellen, dass die Internationalisierung im Kardinalskollegium in den vergangenen fünfundvierzig Jahren bedeutend weiter fortgeschritten ist.

          Den Dialog mit den Künsten eröffnete Benedikt XVI. mit einem Monolog über die Schönheit als Weg zu Gott. Er sprach und die Künstler hörten zu. Stellungnahmen und Fragen waren nicht vorgesehen. Es liegt auf der Hand, dass die Zahl von 260 Gästen ein Gespräch im wörtlichen Sinne schon aus organisatorischen Gründen ausschloss. Schwer vorstellbar und mit dem Selbstverständnis Papst Benedikts kaum vereinbar wäre es auch gewesen, einen der Künstler gewissermaßen ein Korreferat halten zu lassen. Abgesehen davon, dass eine solche Auszeichnung eines Gastes vielleicht auch das Klima unter den Künstlern belastet hätte. Musste aber zu einer Begegnung, die das Gespräch mit der zeitgenössischen Kunst wieder in Gang bringen soll, unbedingt Palestrina gesungen werden? Wie wäre es mit Messiaen gewesen?

          Eine große Geste

          Es redete also nur der Papst. Er sprach gut platonisch über die Schönheit, die zum Wahren und Guten und so schließlich auch zum Glauben an Gott führen kann. „Hüter der Schönheit“ nannte er die Künstler. Zugleich warnte er vor einer „verführerischen, aber heuchlerischen“ Schönheit, der Obszönität und Provokation Selbstzweck sind.

          Wer in der sixtinischen Kapelle sitzt, kann gewiss kaum daran zweifeln, dass er es mit den „Hütern der Schönheit“ zu tun hat. Jenseits der Vatikanischen Museen dürften sich bei manchem zumindest leise Zweifel regen, ob der platonisch gefärbte Schönheitsbegriff des Papstes die gegenwärtige Debatte über die zeitgenössische Kunst tatsächlich beflügeln kann. Es stellt sich letztlich die gleiche grundsätzliche Frage wie bei der Theologie Joseph Ratzingers: Wie weit tragen griechische Philosophie und scholastische Theologie in der Auseinandersetzung mit der Moderne? Man darf gespannt sein. Benedikt XVI. jedenfalls hat das Gespräch mit den Künsten eröffnet. Eine „große Geste“, wie Philip Gröning nach dem Empfang sagte, war dies allemal.

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