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Leben und Werk von Christo : Der Osteuropäer, der aus der Ödnis floh

Am Nervenpunkt zwischen zwei Welten: Christos Meisterwerk in Deutschland war die Verhüllung des Berliner Reichstags im Jahr 1995. Bild: Reuters

Bloß weg aus der Tristesse des sozialistischen Realismus: Christo wurde im stalinistischen Bulgarien sozialisiert – und begründete damit die Reichstagsverhüllung.

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          Wurde er auf seine Anfänge als Künstler angesprochen, erzählte Christo fast immer die Geschichte vom Orient-Express. Es gibt sie in wohl einem halben Dutzend Varianten, aber der Kern ist stets der gleiche und spielt im stalinistischen Bulgarien zu Beginn der fünfziger Jahre. Da wurde der Kunststudent Christo Wladimirow Jawatschew an die Strecke beordert, die der berühmte Zug auf seinem bulgarischen Abschnitt befuhr. Das Regime habe den Passagieren aus dem Westen blühende Landschaften vorgaukeln wollen, und so hätten Kunststudenten wie er die Bauern anweisen müssen, wie Traktoren, Mähdrescher und andere Maschinen zu plazieren seien, damit aus dem Zugfenster betrachtet die Illusion einer dynamischen, mechanisierten Agrargesellschaft entstehe. Jedes Wochenende habe man am Bahndamm entsprechende Bilder arrangiert, berichtete Christo. Übel sei das gewesen, und doch seien ihm die Erfahrungen später zugutegekommen, denn er habe nicht nur früh ein Gefühl für den Raum entwickelt, sondern auch mit Menschen umzugehen gelernt, die sich für Kunst kein Jota interessieren. Das habe ihm oft geholfen.

          Michael Martens

          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Über seine Jugend in Bulgarien hat Christo in Interviews selten von sich aus gesprochen, doch wenn man ihn danach fragte, war er alles andere als verschlossen. Dann wurde deutlich, dass und wie er diese Zeit als prägend für sich ansah. Christo berichtete dann oft von seiner Mutter, die als junge Frau eine stark vom Bolschewismus geprägte Revolutionärin und zeitweilig Generalsekretärin des bulgarischen Künstlerverbandes gewesen sei. Ihre große Bibliothek mit russischer Avantgardeliteratur und Reproduktionen sowjetischer Kunst der zwanziger Jahre habe er bereits als Kind entdeckt. Als er zu studieren begann, war der euphorische sowjetische Aufbruch freilich längst von den ästhetischen Ödlandschaften des sozialistischen Realismus verdrängt worden. „Ich drohte zu ersticken in dieser Welt der Indoktrination und Dummheit, in der die Kunst nur den einzigen Zweck hatte, die proletarische Revolution zu verherrlichen“, begründete Christo seine Flucht in den Westen einmal. Zunächst verließ er Bulgarien 1956 gen Prag (wo die Dinge kaum besser standen), im Jahr darauf floh er über Wien in die Schweiz.

          Ein Vorhang für die Mauer

          Mit Bulgarien hatte er damit abgeschlossen. Was fortan in dem Land geschah, interessierte ihn nicht mehr. Als 2001 der einstige Zarewitsch Simeon II. nach Jahrzehnten des Exils im Triumph zurückkehrte und zum Regierungschef gewählt wurde, lautete sein knapper Kommentar nur: „Bulgarien ist schon ein seltsames Land.“ Zugleich betonte er stets, wie entscheidend und bleibend die Jugend im stalinistischen Bulgarien seine spätere Arbeit geprägt habe – wenn man ihn danach fragte. Christo behauptete sogar, ohne diese Prägung wäre seine in Deutschland bekannteste Arbeit, die Reichstagsverhüllung von 1995, nie entstanden. In einem Gespräch mit dem Verfasser hat er 1994 beschrieben, wie seine osteuropäische Flüchtlingsbiographie zur Idee einer Verhüllung des Reichstagsgebäudes geführt habe: „Es waren in erster Linie persönliche Gründe, die mein Interesse auf den Reichstag lenkten und mich nicht daran denken ließen, das britische oder das französische Parlamentsgebäude verhüllen zu wollen. Das hat vor allem mit meiner Angst und mit all meinen unguten Gefühlen zu tun, die ich als Flüchtling aus Osteuropa mit mir herumtrage. Meine Existenz als Künstler verdanke ich der Tatsache, dass wir einen kalten Krieg hatten.“

          Das geteilte Berlin, so Christo, hatte ihn schon lange vor der Reichstags-Idee fasziniert. Da gab es etwa ein Vorhaben namens „Ein Vorhang für die Mauer“, das vorsah, eine vierzig Kilometer lange Bahn aus Stoff neben der Mauer aus Beton entlangzuführen. „Für mich als Flüchtling aus dem Osten war es natürlich besonders spannend, an einem Ort wie Berlin zu arbeiten, wo sich der Osten und der Westen in einem solch dramatischen Renkontre gegenüberstanden“, sagte Christo 1994. Und am damals ehemaligen deutschen Parlamentsgebäude sei das zur Zeit des Ost-West-Konflikts eben besonders deutlich geworden: „Am Reichstag, hauptsächlich im Westsektor gelegen, aber mit 39 Metern seiner Ostfassade im sowjetischen Sektor, kulminierte diese Situation. Das Reichstagsprojekt entspringt also meiner ganz persönlichen Lebenserfahrung – wäre ich in China geboren, hätten diese Gedanken in meinem Vorhaben überhaupt keinen Platz gehabt.“ In den Nachrufen dieser Tage wurde Christos osteuropäische Sozialisierung kaum erwähnt. Doch obwohl Künstler oft keine guten Interpreten ihres Werks sind, lohnt es sich, auf das zu achten, was Christo über die Zeit berichtet hat, als er noch Genosse Jawatschew sein musste.

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